Ein junges Mädchen aus reichem Hanseatenhaus, in gütiger Strenge erzogen, an Luxus gewohnt, als gute Partie umworben und auch ihrerseits, nach der Jungmädchenart von 1893, bei Bällen und in Kurorten auf den Zukünftigen wartend, unterscheidet sich von ihren Altersgenossinnen durch lebhaftes Temperament und ein kaum bezahlbares Mitteilungsbedürfnis. Einer Freundin vertraut sie in Briefen all ihre kleinen Nöte und Abenteuer an und empfängt dafür herzlichen, gelassenen Zuspruch. Der Briefwechsel wird ihr zum einzigen Trost, als aus Flirt und belustigtem Abwarten bitterlich süßer Konflikt gekommen ist: ein junger Kunstgelehrter, Sohn des Bürgermeisters der Hansestadt, wohlhabend, soigniert, gemessen, läßt seine Zuneigung erkennen, und in derselben Zeit reißt ein Vetter aus London, phantasievoll, witzig, aber vermögenslos, ihr Herz an sich. In jenem erkennt sie instinktiv den Führenden, der ihr Sicherheit geben wird; aber mit diesem verbindet sie der ganze Sturm der amour passion. Vor deren Erfüllung schreckt sie zurück, weil das den Ausbruch aus ihrer Welt bedeuten würde. Unter dem Verzicht meint sie zusammenzubrechen.

Soweit könnte das in der Fabel eines Romans vorkommen, der in jener Zeit spielt, als am Horizont der Töchter aus gutem Haus nichts stand als die Ehe. Wie es aber weitergeht für die Verfasserin der Mädchenbriefe, die der Christian-Wegner-Verlag, Hamburg (204 S., Lein. 8,80 DM), unter dem Titel „Sommer in Lesmona“ publiziert, dahin zeigt die Phantasie keines Romanciers: Marga Berck (so ist die Bremer Konsulstochter hier genannt) hat den Kunstgelehrten erhört und der amour passion entsagt; Der Termin der Hochzeit rückt näher, und immer mehr Bängnis klingt aus den Briefen an die Vertraute. Da stirbt diese kurz vor Margas Hochzeit im Kindbett. Kein Ohr mehr, die Klagen zu hören.

Die Briefe sind authentisch, und Hans Harder Biermann-Ratjen hat sie im Original Wortlaut, nur mit veränderten Namen, herausgegeben. „Ein, hohes Zufalls-Kunstwerk des Lebens“ nennt er in seinem Nachwort das Corpus der Briefe. Damit schmälert er aber dem Tod sein Verdienst. Denn dieser ist es gewesen, der – vielleicht im rechten Augenblick – den Schlußpunkt setzte und die Stimme der Verzweiflung zum Schweigen brachte, indem er ihr das Echo entzog. Das war wohltätig; denn „Margas“ Ehe mit dem Kunstgelehrten (und späteren Galeriedirektor einer anderen Hansestadt) ist gut geworden – obwohl „das Leben“ schon ein Jahr später seinerseits feine ironische Pointe erfand und den armen Vetter in London zu einem reichen Erben machte.

Daß aber die junge Bremerin in ihrer aufgerüttelten Unbefangenheit zu den genialen Briefschreiberinnen gehört, bleibe unbestritten. Diese Sicherheit im Erzählen, diese Innigkeit im Bekenntnis, diese Freude am Detail und diese scharfe Beobachtung der „Erwachsenen“ würde den Briefen auch dann höchsten Rang geben, wenn sie nicht durch ihre Fabel das Schicksal einer ganzen bürgerlichen Generation, der letzten vor dem Erwachen, repräsentierten. So sind sie in der Tat zugleich ein bedeutendes Dokument und ein Roman von unabsichtlicher Meisterhand.