In der Technischen Hochschule zu München hält die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke vom 8. bis 10. Oktober eine Vortragstagung ab. Auf ihr werden Prof. Dr. G. Joos über die Atomenergie und Staatsminister a. D. Dr. Rudolf Mueller über die Energiewirtschaft neben zahlreichen anderen Experten der Elektro- und Dampftechnik sprechen. Zu den wichtigsten Themen gehört u. a. die Frage der „Elektrizitätsversorgung und Kundenbetreuung“, über die wir nachstehend aus der Feder von Dipl.-Ing. H. Saran, Hamburg, berichten.

Wir leben in einem technischen Zeitalter. Das darf aber nicht bedeuten, daß die Technik den Menschen beherrscht, sondern vielmehr, daß wir die Technik, ohne die wir heute gar nicht mehr wirken und arbeiten können, überall zu unserer Entlastung heranziehen. Wer wollte bezweifeln, daß besonders der Energieträger Elektrizität uns auf allen Gebieten in Industrie, Gewerbe, Landwirtschaft und Haushalt in vielfältiger Form als Licht, Kraft, Schall, Wärme oder gar Kälte begegnet und geschätzt wird. Der Stromverbraucher findet dies ganz selbstverständlich. Darüber jedoch, welche technischen Einrichtungen für die Stromversorgung notwendig sind und welche vielfältigen Arbeiten hierzu geleistet werden müssen, herrscht noch kaum eine Vorstellung.

Die Elektrizitäts – Versorgungs – Unternehmen (EVU) haben die Aufgabe, die Bevölkerung sozuverlässig, sicher und preiswert wie möglich mit elektrischer Energie zu versorgen. Trotz stetig weiter steigender Anforderungen ihrer Abnehmer werden sie dieser Aufgabe gerecht, müssen aber immer wieder darauf hinweisen, daß auf weitere Sicht gesehen zur Stromerzeugung und Stromverteilung Kapital und auch Kohle gehört. Zwischen Stromerzeugung und -verteilung einerseits und der Stromanwendung andererseits steht die verantwortungsbewußte Kundenbetreuung der EVU – die Abnehmer-Beratung. Auch für das EVU als Stromerzeugungswerk ist das Vertrauen der Kundschaft selbstverständliche Lebensgrundlage. Richtige Kundenbetreuung und Aufklärungsarbeit der EVU gleicht ständig zwischen Stromerzeugung und Stromverbrauch aus, muß doch der elektrische Strom jeweils im Augenblick der Inanspruchnahme durch den Kunden in den Kraftwerken erzeugt werden. Wir wünschen keine Bewirtschaftung der Ware „Strom“, sondern ausreichende Belieferung durch echte Absatzplanung. Hier erfüllt die Abnehmer-Beratung volkswirtschaftlich wichtige Aufgaben.

Noch vor 10 Jahren waren die Belastungskurven der Elektrizitäts-Unternehmen, die den Belastungsverlauf der elektrischen Leistung jeweils über die 24 Stunden des Tages darstellen, gekennzeichnet durch die gefürchteten „Lichtspitzen“. Der Lichtbedarf tritt eben nur tageszeitlich und jahreszeitlich bedingt auf. Die Maschinenleistungen der Kraftwerke und die Verteilungsleitungen wurden nur kurzfristig voll genutzt. Oft nur für Minuten im ganzen Jahresablauf, da die Anlagen zur Deckung der höchsten Lichtspitzen, die im Dezember auftreten, angelegt werden mußten. Nun liefert uns die Elektrizität heute aber mit Hilfe der entsprechenden Elektrogeräte neben dem Licht in einfachster Weise alle gewünschten Energieformen, wie Kraft, Schall, Wärme und Kälte. Diese Energieformen brauchen wir laufend. Der Abnehmer muß also wissen, daß die vorhandenen Maschinenleistungen und Stromverteilungsleitungen der Werke sehr wohl ausreichend sind für diesen Gesamtbedarf. Besonders Elektrowärme füllt die Belastungstäler auf. Man denke an das elektrische Kochen, die Heißwasserbereitung, das Kühlen, das Waschen und die Anwendung der sonstigen vielseitigen elektrischen Kraft- und Wärmegeräte in Industrie, Gewerbe, Haushalt und Landwirtschaft. Durch diese Vergleichmäßigung der Belastungskurve ist es tatsächlich allein möglich geworden, daß die Elektrizitätsversorgung gegenüber 1939 im Vergleich zur Preiserhöhung auf allen Gebieten unseres Lebens relativ sogar billiger wurde.

Günstige Grundpreistarife (z. B. Haushalttarife) konnten eingeführt werden, die es dem Abnehmer gestatten, die elektrische Arbeit zu niedrigen Arbeitspreisen je Kilowattstunde (kWh) über eine einfache Installationsanlage und über nur einen Zähler zu beziehen. Man setze in Vergleich beispielsweise die geringen Stromkosten für die Bereitung einer elektrisch gekochten Mahlzeit zu den Kosten der Lebensmittel selbst. Eine Zigarette im Wert von 10 Dpf. entspricht z. B. dem Arbeitspreis für 1 Kilowattstunde (kWh), mit der man auf dem Elektroherd eine komplette Mahlzeit für 4 Personen, mit dem Elektro-Heißwasserspeicher ein Brausebad bereiten kann, mit einem großen Haushalt-Kühlschrank 24 Stunden die Lebensmittel frisch hält oder mit einer 40-Watt-Lampe 25 Stunden beleuchten kann.

Wir sehen, daß das sogenannte „Leistungs-Problem“ der Elektrizitäts-Unternehmen die erhöhte und sogar umfassende Anwendung der Elektrizität nicht ausschließt, sondern im Gegenteil geradezu fordert. Wie oft wird nun aber in der Elektrizitätswirtschaft dieses; „Leistungsproblem“ mit dem Kohleproblem verwechselt. Selbstverständlich erfordert der laufend steigende Bedarf an elektrischer Energie nach Ausnutzung der installierten Leistungen auf längere Sicht den Ausbau der Maschinenleistung in den Kraftwerken und die Erweiterung der Verteilungsnetze. Dieser natürlichen nicht zu hemmenden Entwicklung muß die Elektrizitätsversorgung Rechnung tragen, denn nach vorsichtiger Schätzung wird im Verlaufe der nächsten 10 Jahre der elektrische Leistungsbedarf, sich verdoppelt haben. Das kostet naturgemäß Geld und erfordert Kapital.

Das „Kohleproblem“ ist leichter verständlich gemacht. Wenn man einen Ofen heizen will, so muß man Kohle haben. Die Stromerzeugung im Bundesgebiet basiert überwiegend auf der Ausnutzung der Wasserkräfte und der minderwertigen Kohlensorten und etwa zu einem Viertel auf normaler Steinkohle. Für jede erzeugte und abgegebene Kilowattstunde ist Wasserkraft oder Kohle notwendig. Die Sicherheit ununterbrochen ausreichender Stromversorgung ist also abhängig von genügender Wasserkraft und Kohleversorgung der Elektrizitäts-Unternehmen. Dabei müssen zechenferne Kraftwerke wegen der Abhängigkeit vom Kohletransport mit Rücksicht auf mögliche Transportschwierigkeiten im strengen Winter bevorzugt mit Kohle bevorratet werden.

Es sollte hier gezeigt werden, daß sorgfältige Kundenbetreuung und die Abnehmerberatung hilft, die vorhandenen Anlagen der Stromversorgung zum Vorteil der gesamten Bevölkerung voll auszunutzen und ihr eine umfassende Elektrizitätsanwendung mit Hilfe vorschriftsmäßiger Installationen und Qualitätsgeräten bei niedrigen Strompreisen das Leben erleichtert. Abschließend sei betont, daß alle Zweige der Elektro Wirtschaft, nämlich Elektrizitäts-Versorgungs-Unternehmen, Elektroindustrie, Handel und -Handwerk, in Erkenntnis ihrer Verantwortung dem Abnehmer gegenüber am gleichen gemeinsamen Ziele in vertrauensvoller Gemeinschaftsarbeit zusammenwirken.