In dem englisch-iranischen Ölstreit hat die englische Regierung jetzt den Sicherheitsrat der UNO angerufen –: Die letzte Instanz, die eine friedliche Lösung herbeiführen könnte. In London wurde dieser überraschende Schritt damit begründet, daß der Ölkonflikt als „eine Angelegenheit betrachtet werde, die geeignet sei, die Aufrechterhaltung des internationalen Friedensund der Sicherheit zu gefährden“. Der englische Antrag geht dahin, der Sicherheitsrat möge die iranische Regierung zur Beachtung der Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes im Haag vom 5. Juli dieses Jahres auffordern, in der beiden Parteien nahegelegt worden war, alle Maßnahmen zu unterlassen, die die Tätigkeit der Anglo Iranian Oil Company (AIOC) beeinträchtigen, einem Gerichtsurteil vorgreifen oder den Rechtsstreit verschärfen könnten.

An diese Entscheidung haben sich allerdings die Engländer bisher selbst ebensowenig gehalten wie die Iraner, die alle Anlagen der AIOC militärisch besetzt halten, so daß schließlich der Zustand erreicht wurde, der ein militärisches Eingreifen Englands in Abadan als kurz bevorstehend erscheinen ließ. Und wenn Ministerpräsident Attlee noch vor wenigen Tagen zur „Anwendung von Gewalt zum Schutz der englischen Rechte und Interessen“ entschlossen schien, so ist es nur der persönlichen Botschaft Präsident Trumans zu danken, daß der Einsatz von Kriegsschiffen, Flugzeugen und Truppen zum Schutz der Ölanlagen verhindert wurde. In dieser Botschaft erklärte der Präsident, daß nach amerikanischer Auffassung eine militärische Aktion nur dann gerechtfertigt sei, wenn das Leben englischer Staatsangehöriger in Gefahr ist. Die englische Regierung hält zwar die Lage der auf ihre Weisung in Abadan zurückgebliebenen 317 Öltechniker, die einen am 4. Oktober ablaufenden Ausweisungsbefehl der iranischen Regierung erhalten haben, für gefährdet; jedoch sind die eingesetzten iranischen Polizei- und Truppenverbände sichtlich bestrebt, jeden Zwischenfall zu vermeiden. Nun liegt es aber nicht nur an den staatlichen Organen, daß bei der Durchführung einer Kassenanweisung alles ruhig und friedlich vor sich geht. Vielmehr müssen auch die Ausgewiesenen das gleiche Maß von Korrektheit und Zurückhaltung aufbringen.

Ministerpräsident Mossadegh hat sich entschlossen, die Sache Irans selbst vor dem Sicherheitsrat in New York zu vertreten. Dort wird er nicht mit Tränen und Ohnmachtsanfällen operieren können, sondern nur mit unanfechtbaren Argumenten und Beweisen, für die ihm angeblich dokumentarische Unterlagen aus den beschlagnahmten Akten der AIOC zur Verfügung stehen. Eine der ersten Folgen der Einschaltung des Sicherheitsrates in den Ölkonflikt ist die Wiederherstellung der Einheitsfront aller iranischen Parteien zur Unterstützung Mossadeghs. Im übrigen rechnet man in Teheran auf Grund der Äußerungen in der Moskauer Presse, in denen der Ölstreit mit der AIOC als eine interne Angelegenheit Irans bezeichnet wird, mit einem Veto der Sowjetunion gegen jeden proenglischen Beschluß des Sicherheitsrates. Wenn aber der Sicherheitsrat jetzt keine geeigneten Maßnahmen zur Lösung des Ölkonflikts vorzuschlagen weiß oder durchführen kann, dann ist zunächst die letzte Möglichkeit für eine friedliche Beilegung erschöpft. Dann bleibt als Hoffnung – nur noch die Angst aller Beteiligten vor einem dritten Weltkrieg ... E. K.