In Amerika gibt es noch immer den Typ der fighting publishers. Oswald Garrison Villard, dessen Todestag sich in diesen Tagen zum zweiten Male jährte, ohne daß Deutschland, für das er soviel getan hat, ihm bisher seine Dankesschuld abgestattet hätte, war einer der größten unter ihnen.

Als ich zum ersten Male fragte, was denn ein fighting publisher sei, bekam ich folgende Geschichte zu hören: In einer kleinen Gemeinde irgendwo in Mississippi oder Alabama donnert der Prediger von der Kanzel: „Keine drei oder vier Leute sind hier, die dem feurigen Pfuhl, der von Pech und Schwefel brennt, entgehen werden!“ Kaum ist die Kirche aus, kommt der Verleger-Chefredakteur der county-Zeitung zum Prediger. „Reverend“, sagt er, „das sind alles meine Leser, und von denen sollen nur drei oder vier gerettet werden? Ist das Ihr Ernst?“ – „Mein voller Ernst!“ – „Und wie lange sollen die Leute denn im feurigen Pfuhl darinnen bleiben?“ – „Welch eine Frage!“ sagte der Prediger mit strenger Miene. „Für immer, natürlich!“ – „Auf mein Wort, Reverend!“ antwortet der Besucher, „meine Zeitung und das amerikanische Volk werden sich das nicht bieten lassen!“

Der fighting publisher geht nie von seinen Geschäftsinteressen aus. Er attackiert, was er für schlecht hält. Aber er ist kein Querulant. Er ist, wenn man will, ein Weltverbesserer. Er glaubt an das Gute im Menschen und in der amerikanischen Demokratie. Oswald Garrison Villard hat hiermit den Glauben an die deutsche Demokratie und an eine wahre Freundschaft zwischen seinen beiden Heimatländern verbunden.

Sein Vater, Heinrich Hilgard, geboren in Speyer als Sohn eines hohen Richters, nahm als Dreizehnjähriger an der Pfälzer Revolution teil. Mit achtzehn Jahren floh er, um als überzeugter Antimilitarist dem Heeresdienst zu entgehen, nach Amerika. Dort nahm er den Namen Henry Villard an. Nach Jahren des Hungerns wurde er Korrespondent der New Yorker Staatszeitung, für die er über den Wahlkampf. berichtete, der Abraham Lincoln schließlich zum Präsidenten der Vereinigten Staaten machen sollte. In seinen späteren Jahren hat er als Vertreter deutschen Anlagekapitals die Northern Pacific gebaut. Seine Frau war eine Tochter des unerschrockenen William Lloyd Garrison, des „Sklavenbefreiers“. Ihr beider Sohn Oswald, geboren 1872 in Wiesbaden, ist sich der schwarz-rot-goldenen Sehnsucht seiner väterlichen Familie und der edelsten Verheißungen der Neuen Welt, die er von den Garrisons ererbte, stets bewußt geblieben. In jungen Jahren übernahm er die New York Evening Post und machte sie zum wichtigsten und gleichzeitig saubersten Kampfblatt Amerikas: Gegen jeden Imperialismus, für Rassengleichheit, anständige Schulen, Freihandel, und charakterlich unanfechtbare Wahlkandidaten ohne Unterschied der Parteirichtung. Er hat bedingungslos die amerikanische Intervention im ersten Weltkrieg bekämpft. und in seinem Blatte die von ihm entdeckten berüchtigten Geheimverträge vom Februar 1917 zwischen Rußland und Frankreich veröffentlicht.

Er war auch der erste amerikanische Journalist, der wieder nach Deutschland kam; bereits im Februar 1919, trotz ausdrücklichem Verbot durch Woodrow Wilson. Bei seiner Rückkehr ins Pressequartier in Versailles hat er der amerikanischen Friedensdelegation und den Zeitungen in den Vereinigten Staaten, darunter seinem eigenen Wochenblatt The Nation berichtet, daß Deutschlands demokratische Struktur und damit der Weltfrieden zusammenbrechen würden, es sei denn, daß ein gerechter Vertrag geschlossen würde. Der deutschen Delegation hat er ausdrücklich von der Unterzeichnung in Versailles abgeraten. Sein großes Vermögen hat dieser „konfessionslose“ Tatchrist stets behandelt, als sei es ihm für die Allgemeinheit zu treuen Händen übergeben. Für Speyer und zahlreiche andere Städte hat er in den Zeiten der Not anonyme Stiftungen gemacht, die in die Hunderttausende von Dollars gehen. Aus seiner Feder stammt das beste Buch, das über die Deutsche Republik geschrieben wurde, The German Phoenix. Sein Kampf für das deutsche Lebensrecht ist nie erlahmt. Gerade weil er Deutschland sosehr liebte, hat er in Hitler dessen schlimmsten Feind gesehen. Während des zweiten Weltkrieges, als die Richtung Vansittart-Morgenthau immer mehr an Boden gewann, hat er, trotz Krankheit und Alter, mit kompromißloser Schärfe, die ihm den Haß aller Vernichtungspolitiker eintrug, für einen gerechten Frieden gekämpft. Und keine Greueltat der Nationalsozialisten hat seinen Glauben an das wahre Deutschland zu erschüttern vermocht.

Sein Landhaus in Connecticut und seine Wohnung in New York, mit großen Bibliotheken, deutschen Familienbildern und Kupferstichen, und early American, vorrevolutionären Möbeln und Silber, waren Zentren europäisch-amerikanischer Kultur. Setzte er sich politisch für jemanden ein, dann war dies auch bei der Regierung Roosevelt, die er bitter bekämpfte, die beste Empfehlung.

Als er vor zwei Jahren starb, da war die Richtigkeit seiner Deutschlandpolitik bereits erwiesen. Daß der Marshall- über den Morgenthauplan schließlich triumphieren konnte, ist nicht zuletzt der Arbeit des fighting publisher Oswald Garrison Villard zu verdanken. Aber auch sein eigenes Land hat ihm zu danken, daß er am Glauben festhielt, „das amerikanische Volk werde es sich auf tue Dauer nicht bieten lassen“, Recht und Vernunft mißachtet zu sehen.

Hubertus Prinz zu Löwenstein