Die oft gehörte Redewendung, dies oder das habe „jeder mit seinem Gewissen abzumachen“, muß ihre Herkunft im protestantischen Deutschland haben. Denn das Gewissen des einzelnen ist als letzte richtende Instanz nur im Raum der protestantischen Geistigkeit anerkannt. Hier allerdings gehört die völlige „Gewissensfreiheit zu den unantastbaren Werten des religiösen Lebens, und diese Unantastbarkeit wird so lebhaft empfunden, daß viele evangelische Christen auf die Frage, was ihnen an den Einrichtungen der katholischen Kirche unannehmbar scheint, nicht sosehr von den Dogmen oder den gottesdienstlichen Formen sprechen wenden, als vielmehr von der Beichte. Der evangelische Laie fühlt sich erwachsener, fortgeschrittener als der katholische, weil dieser nach seiner Ansicht bevormundet wird.

Aber die evangelischen Kirchen haben nicht immer so schroff unterschieden. Wohl schließt die reformatorische Lehre von der „Freiheit des Christenmenschen“ den mit Straf- und Gnadenmitteln ausgestatteten besonderen Priesterstand aus und damit auch die strikte regelmäßige Beichtpflicht für jeden Gläubigen. Auer in Luther und seinen Nachfolgern lebte doch noch ein Gefühl dafür, daß die größte Zahl der Menschen der Stützung durch einen Gewissensberater bedarf, und sie ließen eine freiwillige Beichtpraxis, beruhend auf dem Vertrauen der Laien zu den Geistlichen, bestehen. Erst als der Pietismus die selbständige Laienfrömmigkeit gegenüber der orthodoxen Pfarrerschaft stärkte, wurde, bald nach 1700, die Einzelbeichte in den lutherischen Kirchen abgeschafft und durch die noch heute übliche Gesamtbeichte der Gemeinde ersetzt. Seitdem nahm man, im Gegensatz zu Luther, mehr und mehr stillschweigend an, daß der einzelne durch Erziehung und Bildung genug gekräftigt werde, um den Haushalt seines Gewissens allein in Ordnung zu halten, und der Fortfall der Einzelbeichte wurde zum Stolz des Protestantismus.

Daß diese optimistische Annahme im Massenzeitalter nur sehr fragwürdige Geltung behalten konnte, war zu erwarten. Radikal das eigene Gewissen zu erforschen, ist nun einmal nicht jedermanns Sache. Wer aber vor dieser Aufgabe ausweicht, bei dem schlägt sich – wie millionenfache Erfahrung gezeigt hat – der verdrängte „Gewissenswurm“ als Neurose nieder, und die Psychotherapie muß kommen, um ihn aus seinem Kerker zu befreien. Daß Krankheit verhehlte Schuld sein kann und also, im streng medizinischen Sinn, „der Sünde Sold“ – diese Erkenntnis kam gerade noch rechtzeitig in eine Welt, die die Beichte unter die Überbleibsel des Mittelalters zu buchen pflegt.

Wäre nicht Statistik an sich schon ein öffentliches Übel, so möchte man fast wünschen, die Statistiker beschäftigten sich einmal mit der Frage, wie sich die Gesamtzahl der neurotischen Erkrankungen auf katholische und nichtkatholische Gebiete verteilt. Das Ergebnis ist zu vermuten: die regelmäßige Beichte, wo sie ehrlich geübt wird, beugt Neurosen vor – wie ja denn auch ein durch und durch protestantisches Land, die USA, die meisten Psychotherapeuten beschäftigt.

Unter solchen Gesichtspunkten ist ein bemerkenswerter Beschluß der Evangelischen Landessynode von Bayern zu werten, der die Wiedereinführung der Einzelbeichte nach alt-lutherischer Tradition empfiehlt. Ein Verlangen, das seinen Ursprung in Laienkreisen hat und das sich gewiß auf Beobachtungen in der katholischen bayerischen Umwelt gründet. Das allerdings auch von einem ungewöhnlich starken Vertrauen zu denen zeugt, die bestimmt sind, die Beichte zu hören. C. E. L.