Erzählung von Günter Eich

Ich komme mit vielen Menschen zusammen und es gibt kaum einen darunter, der glücklich wäre. Ich aber bin es, denn mir ist es gelungen, das Ziel zu erreichen, das ich seit frühester Jugend erstrebe. Ich habe den Beruf, den ich wollte: Ich bin Vertreter der Firma. Astrol, die Schuhcreme herstellt und vertreibt. Natürlich ist damit nur die praktische Seite meiner Tätigkeit bezeichnet. Erst in Verbindung mit dem Idealen, das jeder wahre Beruf und auch der meine hat, erfüllt er mich mit immerwährendem Glück.

Bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen diese beiden Seiten meiner Beschäftigung als deutlich voneinander getrennt. Habe ich in einer Ortschaft die Schuhcreme führenden Läden besucht und die Bestellungen aufgenommen, kehre ich zu meinem Wagen zurück, um den sich meist schon eine größere oder kleinere Menge versammelt hat. Vor allem kommen Kinder. Es sind nicht die grellfarbigen Reklameflächen auf den Seitenwänden meines Autos, die die Kinder anlocken – Wagen dieser Art sieht man viele, wenn man auch zugeben muß, daß die Astrolfarben (Giftgrün und Purpurrot hart nebeneinander gesetzt) auf eine gewissermaßen schmerzhafte Weise anziehend wirken, wie das Auge der Viper auf den Frosch. Indessen ist es der ungewöhnliche Aufbau meines Wagens, der die Aufmerksamkeit erregt, und hin und wieder auch denjenigen betroffen stehenbleiben läßt, der viel gesehen hat. An den Seitenwänden meiner Limousine nämlich sind Leitern angebracht, eine rechts, eine links, schräg zur Mitte geneigt, sich nach oben verjüngend und über die Decke des Wagens hinaus in die Höhe ragend. Zwischen den beiden Leitern dreht sich ein überlebensgroßer giftgrüner Herrenschuh im Kreise. Purpurne Schnürriemen hängen groß wie Vorhangtroddeln seitlich an ihm herab. Zieht man daran, und die Kinder verfallen bald genug darauf, so wird damit das Gangwerk eines Grammophons bewegt, der sich im Innern des Wagens befindet, und es ertönt je nach der Reihenfolge eine getragene, flotte oder innige Musik, gefolgt von einigen werbenden Sätzen. Das Wirkungsvolle dieser mechanischen Reklame besteht darin, daß sie durch eine Handlung ausgelöst wird, die die Kinder für verboten halten, während sie durch diese Meinung zu eben jener Handlung verführt werden sollen. So stürzen denn auch, wenn ich mich dem Wagen nähere, immer einige Übeltäter, unwissentlich meine Helfershelfer, mit. schlechtem Gewissen davon. Die andern blicken mir erwartungsvoll entgegen. Ich mache ein ernstes Gesicht, öffne die Hintertür des Wagens, steige ein und schließe hinter mir zu. Im Dunkeln kleide ich mich um.

Ich muß gestehen, daß mich auch heute noch, wenn ich allein in dem engen Wageninnern bin, bisweilen doch ein Herzklopfen befällt: bin ich doch dabei, zu mir selbst zu gelangen.

Nachdem ich die purpurne Hose angetan habe, die doppelt so lang ist wie meine Beine und deshalb sorgfältig und mühevoll hochgekrempelt werden muß, das giftgrüne Wams, das auf Rücken und Brust die Aufschrift „Astrol“ trägt, nehme ich den roten Zylinder in die Hand und setze ihn erst auf, wenn ich die Tür wieder geöffnet und den Kopf als erstes hinausgestreckt habe.

So bekleidet gehe ich an eine der Leitern – ich pflege dabei regelmäßig abzuwechseln – und steige die Sprossen empor, während ich gleichzeitig rechts und links zwei an der Leiter verborgen befestigte Stelzen löse. Bin ich auf der vorletzten Stufe angelangt, lasse ich die beiden überlangen Hosenbeine über die Stelzen gleiten, so daß sie sich bis zur vollen Länge ausrollen, steige dann einige Stufen hinunter, bis meine Hände das Holz unter meinem Gewand fassen können und die Füße auf den Tritten der Stelze Halt finden. Ich stoße mich leicht vom Wagen ab und beginne meinen Gang durch die Straßen, hoch über den Köpfen der jauchzenden und johlenden Menge.

Ich erinnere mich noch wohl, ich als Kind zum erstenmal einen solchen Stelzengänger erblickte. Meine Mutter hielt mich auf dem Arm, und ich schaute zu ihm empor, gegen meine Gewohnheit still, denn dies erschien mir als das Wunderbarste, was ich bisher gesehen hatte. Der Stelzenmann beugte sich zu mir herab, und während mir sein bärtiges Gesicht ganz nahe schien, steckte er mir ein Malzbonbon in den Mund. Dieses erhabene Wesen hatte mich ausgezeichnet, und mit diesem Bonbon nahm ich das Verlangen in mich auf, so zu werden wie er.