/ Von Wolf wester

Der Verfasser des folgenden Beitrags ist ein deutscher Jude, dem das Hitler-Regime übel mitspielte und der lange Zeit in Israel gelebt hat. Er ist wie kaum ein anderer dazu berufen, zu diesem schwierigen Problem Stellung zu nehmen.

Spät, wenn auch noch nicht zu spät, hat die Bundesregierung im würdigen Rahmen einer Regierungserklärung vor versammeltem Bundestag die Verpflichtung und den Willen des deutschen Volkes zur Versöhnung mit den Juden und zur materiellen Wiedergutmachung kundgetan. Unterstrichen wurde diese feierliche Kundgebung noch durch individuelle Zustimmungserklärungen fast sämtlicher Parteien. Die Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland veröffentlichte warm gehaltene Glückwünsche des Bundespräsidenten, des ker der führenden Parteien und des Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum jüdischen Neujahrsfest, und die von Rudolf Küstermeier und Erich Lüth ausgelöste Aktion „Friede mit Israel“ trägt das ihre dazu bei, die deutsche Öffentlichkeit wieder einmal nachhaltig daran zu erinnern, daß die Hypothek der moralischen und materiellen Schuld den Juden gegenüber nach wie vor schwer auf dem Gewissen des deutschen Volkes lastet – oder wenigstens lasten sollte.

Angesichts einer solchen Flut von plötzlich deklariertem guten Willen den Juden gegenüber hält es schwer, über die wohl verständlichen seelischen Emotionen hinweg die nüchternen Tatsachen und Hintergründe dieses deutsch-jüdischen Problems im Auge zu behalten. Aber schließlich wäre ja weder der Aussöhnung noch der Wiedergutmachung gedient, wenn sich nach solch feiersollte, daß die Absichten der einen Seite von der anderen mißverstanden wurden und daß auf der jüdischen Seite Erwartungen hervorgerufen worden sind, die von der deutschen Seite nur in einem sehr bescheidenem Maße, und auch dies nur auf sehr lange Sicht hin, befriedigt werden könnten.

Die Gefahr, daß eine solche Situation zu peinlichen Mißverständnissen führen könnte, deren Endergebnis dann an Stelle der ersehnten Aussöhnung nur erneute Mißstimmung zwischen den beiden Völkern hervorrufen müßte, ist zu groß, als daß nicht gerade um einer wirklichen Versöhnung willen eine Klärung darüber herbeigeführt werden sollte, welchen Möglichkeiten und welchen Grenzen all diese wohlgemeinten Absichten zu unterliegen haben werden. Deshalb muß zuerst einmal festgestellt werden, daß „Aussöhnung mit den Juden“ keineswegs dem „Friede mit Israel“ gleichgestellt werden darf.

Aussöhnung aber nicht Staatsaktion

„Aussöhnung mit den Juden“ ist eine Angelegenheit, die nicht nur das gesamte Judentum direkt und den Staat Israel lediglich indirekt angeht, sondern eine Aktion rein moralischer Natur zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volke. „Friede mit Israel“ hingegen bedeutet eine Staatsaktion politischen und nicht zuletzt materiellen Charakters, die die Deutsche Bundesrepublik und den Staat Israel direkt und das Weltjudentum nur indirekt betrifft.