„Ich habe aus meinem inneren Gefühl so geschrieben, wie ich denke“ erklärte uns der Verfasser dieses Artikels, ein junger Arzt an einem Krankenhaus in Norddeutschland. So wie er denken viele über das Problem der jungen Mediziner, die heute nach dem Staatsexamen vor dem Nichts stehen und von denen der Staat sagt, daß er ihnen nicht helfen könne. Wir haben in der „Zeit“ schon mehrere Male auf die Not der Jungärzte hingewiesen. Wenn wir heute einen der Betroffenen, der seiner Argumentation aus berechtigtem Ärger eine bisweilen vielleicht zu scharfe Note gibt, zu Worte kommen lassen, so deshalb, weil das Problem noch immer ungelöst ist.

Das erste der Heilkünst ist die Liebe, so heißt es seit Paracelsus. Und dieser Satz ist der erste, den der junge Arzt begriffen haben muß, wenn er wirklich ein Helfer der Menschheit werden will. Und wer will leugnen, daß die meisten jungen Mediziner von heute diese Maxime des Paracelsus begriffen haben? Es gibt nichts Schöneres für sie, als ihren ersten Patienten wieder gesund davonlaufen zu sehen. Es ist ihr schönster Lohn, meistens allerdings auch ihr einziger!...

Jeder Lehr junge bekommt ein Taschengeld. Nun, der junge Arzt ist ja eigentlich kein Lehrjunge mehr. Wenn man ihn nicht gleich „Meister“ nennen will, so ist er doch mindestens – bemessen nach der fast sechsjährigen Ausbildungszeit und nach dem bestandenen medizinischen Staatsexamen – „Geselle“. Wehe dem, der nicht seinen Gesellen bezahlt! Der Geselle macht dann Krach, verläßt seine Arbeitsstätte und empfängt Arbeitslosenunterstützung. Aber ohne Geld arbeiten, das tut er nicht. Wie nun, wenn der junge Arzt, den man nicht bezahlt, auch seinen Dienst verlassen würde? Ich will hier keine Zahlen und Statistiken nennen, aber es würde doch wohl ein so schwerer Schlag für die Krankenhäuser und Kliniken sein, daß man nur noch mit halber Kraft arbeiten könnte. Es würde dann viel mehr Leid unter den Menschen sein, viele Patienten würden nicht mehr in Krankenhäuser aufgenommen werden können, weil dort dann eben zu wenig Ärzte wären. Vielleicht würden die Kranken das Vertrauen zu den Krankenhäusern verlieren. Vielleicht würden infolge des Arztmangels Krankheiten wieder auftauchen, die wir schon längst überwunden glaubten... Das wissen die jungen unbezahlten Ärzte und ihre Berufsethik verbietet ihnen, einfach den Dienst zu verlassen. Es wissen aber auch wiederum diejenigen, die eigentlich die jungen Ärzte bezahlen müßten, daß die Berufsethik der jungen Ärzte so hoch ist. Und deshalb, so glaubt man, braucht man sie auch nicht zu bezahlen. Rechtlich ist es nämlich so, daß Pflichtassistenten, Volontärärzte und Hospitanten keinen Rechtsanspruch auf freie Verpflegung, freie Unterkunft oder auf ein Taschengeld haben. Ich frage den Gesetzgeber, wie er sich das eigentlich gedacht hat?

Manche sagen: „Der junge Arzt ist ja noch in der Ausbildung.“ Und der Lehrling, ist der etwa nicht in der Ausbildung? Oder der Geselle, lernt der nicht auch noch jeden Tag etwas hinzu?

Trotzdem bekommen sie einen Lohn, der ihnen selbstverständlich und mit vollem Recht zusteht.

In vielen Fällen ist es üblich, den unbezahlten Ärzten im Krankenhaus wenigstens freie Verpflegung und freie Unterkunft zu gewähren. Man tut das mit einer gönnerhaften Geste, denn rechtlich braucht man noch nicht einmal das. Man weiß aber nur zu gut, daß bei leerem Magen jenes vornehme Schweigen zu Ende ist, auf das man baut, und das einem so viel Geld spart. Gewiß, die jungen Ärzte wollen nicht reich werden, dann wären sie etwas anderes geworden; aber gewisse Dinge braucht man nun eben mal. Eine Hose und ein Paar Schuhe hat man noch von früher. Hätte man sie nicht, so wäre man längst wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet worden. Wenn aber beispielsweise der junge unbezahlte Arzt sich die Haare schneiden lassen will, so verlangt der Haarschneider dafür seinen Arbeitslohn. Oder möchte irgend jemand, der krank ist, von einem Doktor behandelt werden, der einen Stoppel-, Spitz- oder Rauschebart – je nachdem, wie lange der betreffende schon fertiger Arzt ist – trägt? Ein Arzt läuft deshalb nicht so herum, weil er weiß, daß ein Kranker so etwas nicht leiden mag. Wenn man als Arzt tätig ist, dann kann man nicht mehr Nachtwächter spielen, Möbeltransporte machen, in einer Eisengießerei arbeiten, kellnern oder sonst sich irgendwie ein kleines Sümmchen verdienen, wie man das wohl als Studiker getan hat. Ja, und die Eltern, sofern die überhaupt noch leben? Sie haben sich schon während der langen Studienzeit verausgabt.

Manch einer mag mir entgegenhalten wollen, daß es heute eben zu viele Ärzte gäbe. Für die Pflichtassistenten, das sind solche, die gerade von der Universität kommen, trifft das Zumindestens nicht zu. Es werden, wie mir die Vereinigung der angestellten Ärzte im Bereich der Landesärztekammer Schleswig-Holstein mitteilte, mehr Pflichtassistentenstellen angeboten als Bewerber vorhanden sind. Außerdem wird doch wohl auch keiner behaupten wollen, daß dies ein Grund sein könnte, eine ehrliche, verantwortungsvolle Arbeit nicht bezahlen zu brauchen. D-h