Von Walter Fredericia

Das Lübecker Gymnasium, das den Namen Katharineum führt, weil es in dem früheren Katharinenkloster untergebracht war, hat Thomas Mann in den „Buddenbrooks“ mit Bitterkeit beschrieben, und sein Bruder Heinrich hat durch Verknüpfung des Äußeren eines Lehrers mit der Sprechweise eines anderen die Gestalt seines Professor Unrat geschaffen, mit einer dazu frei erfundenen Fabel und Charakteristik. Aber so schlecht scheint diese Schule nicht gewesen zu sein, denn innerhalb ganz weniger Jahre gingen aus ihr nicht nur die Brüder Mann, sondern eine ganze Reihe anderer bedeutender Männer hervor, der Ägyptologe Hermann Ranke, der Bildhauer Fritz Behn, der Verleger und Schriftsteller Korfiz Holm und, nicht zuletzt, der große Rechtslehrer Gustav Radbruch.

Wirft man einen Blick in diese Welt der achtziger und neunziger Jahre, dann regt sich gleich Respekt für das gescholtene neunzehnte Jahrhundert und Beklommenheit vor unserer Gegenwart und gar der Zukunft. Wo sollen heute die Männer herkommen, die den Humanismus zu tragen vermögen, von dem die phrasenreichen Festreden der Nachkriegszeit schwärmen? Wo sind die Schulen, wo ist die Atmosphäre? Der Unterschied von heute und damals ist erschreckend, besonders wenn man ihn durch eine so liebenswürdige Beschreibung vor Augen geführt bekommt, wie sie der vor zwei Jahren verstorbene Radbruch in seiner Autobiographie „Der innere Weg“ (K. F. Köhler Verlag, Stuttgart) hinterlassen hat. Das Gymnasium war damals noch wirklich humanistisch, nicht nur dem Namen nach, es war darauf gerichtet, den Menschen auszubilden, nicht den Fachmann. Radbruch selbst hat in keiner Weise, auch nicht als Student an den Universitäten München, Leipzig und Berlin, sein Leben und seine geistige Entwicklung von seinem juridischen Fachstudium bestimmen lassen; ja er kämpfte lange Jahre sogar mit einer gewissen Abneigung gegen die Juristerei. Wenigstens einen gewissen Lebenszeitraum überwog bei der damaligen Jugend, bei der begabteren, versteht sich, das Interesse für das Künstlerische. Da ging die Begeisterung vom Klassischen bis zum Schüttelreim, den Radbruchs Freund „Benno Papentrigk (= Anton Kippenberg) zu solcher Vollkommenheit brachte, daß er den erfolgreichsten Schüttler, Erich Mühsam, noch übertrumpfte: „Von Schüttelreimern lies am meisten / die, die so viel wie Mühsam leisten“, ,,Du baust Häuser, du Banause / Na bau se.“

Radbruch hat, als er 1946 seine Memoiren schrieb, diesen Unterschied in der Haltung der jungen Menschen von damals und heute wohl erkannt, auch daß über dem Leben seiner Universitätsjahre etwas von jener fin-de-siecle-Stimmung schwebte, die schon den Keim des Zerfalls der damaligen Harmonie erkennen ließ. „Während die heutige Jugend sich gar nicht früh genug in enge Fanatismen einkapseln und sich damit gegen jede weitere Entwicklung abschließen zu können meint, scheuten wir uns innerlich, allzufrüh den Reichtum unbegrenzter Möglichkeiten für begrenzte Wirklichkeiten preiszugeben, uns auf eine feste Überzeugung festzulegen und zu Charakteren zu gestalten, aber auch zu verengen“, sagt er, aber er verkennt auch die Gefahr nicht, die aus einer solchen Haltung erwächst, wenn sie eben unter jene Untergangsstimmung fällt, die Radbruch bei sich selbst als „ein trübes Gemisch aus Schopenhauer, Nietzsche und Max Stirner“ bezeichnet. Dann konnte diese Denkweise „alle Gefühle entleeren, alle Werte zersetzen, die Entstehung jeglicher Überzeugung vereiteln und nicht ein Weg ins Leben, sondern eine Krankheit zum Tode sein ...“

Diese Gefahr bestand, sie bestand aber nicht für die großen, die starken Individualitäten. Radbruch selbst, der seine Rechtsphilosophie einen Relativismus nannte, war selbst in keiner Weise relativistisch, sondern ein Mann von strengsten ethischen Maßstäben. „Niemals ist etwas schon deshalb richtig, weil es ist oder weil es war – oder auch, weil es sein wird. Daraus ergibt sich die Ablehnung des Positivismus, der aus dem Seienden, des Historismus, der aus dem Gewesenen und auch des Evolutionismus, der aus dem Werdenden auf das Gesollte schließt.“ So steht es in Radbruchs „Rechtsphilosophie“, die nach seinem Tode, besorgt und eingeleitet von dem Freiburger Professor D. Dr. Erik Wolf, bei Köhler in Stuttgart in vierter Auflage erschienen ist. Der Satz enthält reine Moral, wenn man so sagen darf, und er charakterisiert Radbruch und sein Werk besser als sein „Relativismus“, worunter er versteht, daß der Mensch vor die Wahl dreier Wertsysteme gestellt sei, nämlich des individualistischen (Freiheit), des überindividualistischen (Gesamtheit) und des transpersonalistischen (Gemeinschaft kultureller Werkschöpfung). Die Rechtsphilosophie schrieb er schon in Heidelberg als junger Universitätslehrer, in einer Zeit, da dort Max Weber wirkte und sich in dessen und in anderen Kreisen „ein geistiges Leben ganz eigenartigen Charakters herausbildete, das man halb ernst, halb spöttisch den „Heidelberger Geist“ nannte... Man muß (zum Vergleich) schon auf das Jena der klassischen Zeit zurückgreifen. auch dort jene ewige Dikussion, jenes ewige Gespräch, jenes ,,Symphilosophein“, wie man es damals genannt hat, auch dort die tätige Teilnahme kluger und gebildeter Frauen an dieser geistigen Welt. Aber auch als Schattenseiten der durch Geist und psychologisch erhöhte, dadurch nur um so gefährlichere Klatsch und die mannigfachen Irrungen einer von Grundsätzen nicht mehr beherrschten Erotik. Heidelberg war damals eine Arche Noä, in der von jeder neuen Spielform geistiger Menschen ein Exemplar vertreten war.“ Der Künstler, der in Radbruch steckte und der ihn eigentlich erst befähigte, vom Juristen zum Rechtsphilosophen aufzusteigen, hat sich in dieser Atmosphäre Heidelbergs, wie sie im letzten Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg herrschte, zur vollen Blüte entfaltet. Als Radbruch sich, von Königsberg aus, wo er 1914 eine Professur erhielt, freiwillig an die Front meldete, war er ein fertiger, ein großer Mann.

Als Radbruch aus dem verlorenen Kriege heimkehrte und „in den tollen Wirbel eintrat, den Berlin in den ersten Revolutionsmonaten darstellte“, da drängte es ihn, an der neuen Welt mitzuarbeiten, die da entstehen sollte – er wurde Sozialdemokrat. „Das Problem des Akademikers oder umfassender: des Mannes mit bürgerlichem Beruf und bürgerlicher Lebensweise in einer Arbeiterpartei“, schrieb er 1945, „ist doppelt: einerseits ein politisches Problem für die Partei, andererseits ein Gewissensproblem für den Akademiker selbst. Das Mißtrauen der Parteigenossen gegen den Akademiker hat seinen guten Grund: die existentielle Bindung ist fester als je eine ideelle Bindung sein kann, die Bindung an die Arbeiterpartei durch das feste Band einer proletarischen Existenz ist viel dauerhafter und unveränderlicher als die geistige Bindung durch die Idee. Die Idee gehört dem flüssigen Aggregatzustande an, bildet sich leicht um und fort und kann zu mancherlei Wandlungen und Überraschungen führen. Deshalb sind zu den Führerstellen einer Arbeiterpartei nur solche berufen, die aus dem Arbeiterstande hervorgegangen sind, der Intellektuelle aber hat sich nur zu fühlen als fachlicher Berater des politischen Führers.“ Nach diesem Prinzip, das wahrscheinlich nicht allzu viele Abgeordnete und Minister der SPD teilen, hat Radbruch gelebt, ab 1920 als Mitglied des Reichstages und als Reichsjustizminister 1921/22 und einige Monate im Jahre 1923. Im Jahre 1933 wurde er aus dem Dienst entlassen. 1945 eröffnete er als Dekan in der geliebten Heidelberger Aula die Arbeit der Juristischen Fakultät. – Das Erlebnis des totalen Staates, des Unrechtsstaates, hatte ihn nicht mit Ressentiments beladen, wie so manche andere, sondern in seiner Menschlichkeit noch mehr gefördert. Und so blieb es nicht aus, daß er, der vorher Recht als Menschenwerk und den Begriff der Gerechtigkeit als einen formalen aufgefaßt hatte, zwei Jahre vor seinem Tode (1947). von einem „übergesetzlichen Recht“ sprach, „wie immer man dieses Recht im einzelnen bezeichnen möge, sei es als Recht Gottes, als Recht der Natur, als Recht der Vernunft“. Und: „Glaube niemand, die Stimme des Gewissens um höherer Ziele und Werte willen überhören zu dürfen. Die Gewissensethik spricht klar. Die sogenannte Verantwortungsethik führt zu jener Dialektik der ‚Gedanken, die sich untereinander verklagen oder entschuldigen‘ (Römerbrief 111,19), bis sie das Gewissen schließlich beirrt, sogar zum Schweigen bringt. Die letzte Verantwortung trägt ein jeder nur für seine eigene Seele...“

Radbruch hatte damit, nach einer langen, von einer seltenen Aufrichtigkeit und Anmut des Geistes gekennzeichneten Entwicklung, den Höhepunkt seiner Ethik erreicht, das eine echte Wertsystem gewählt und die zwei erdachten seiner ursprünglichen Rechtsphilosophie fallen gelassen. Man versteht, daß er diesen Jahren seiner Partei, die, wenn überhaupt, eine philosophische Basis nur in der Verantwortungsethik suchen kann, ziemlich ferne stand. Dennoch möchte man wünschen, daß er in der Sozialdemokratie, der er sich 1948 nach einigem Zögern wieder angeschlossen hatte, Nachfolger fände: von gleicher Toleranz, von gleicher Würde und von gleicher Gerechtigkeit.

Denn „Gustav Radbruch war ein gerechter Mann“, wie einer seiner Biographen und Interpreten, Fritz v. Hippel („Gustav Radbruch“, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1951), sagt – das höchste Lob, das man Toten und Lebenden spenden kann.