Paris, Ende September

Die große, weite griechisch-orthodoxe Kirche in der Rue Daru vermochte die riesige Menschenmenge der Leidtragenden nicht zu fassen, die dieser Tage der Trauerfeier für Ludmilla Pitoëff beiwohnten, um Abschied zu nehmen von einer Schauspielerin, deren Name mit der Blüte des französischen Theaters zwischen den beiden Weltkriegen untrennbar verbunden ist.

Ludmilla, eine zierliche, mädchenhafte Erscheinung, ein schwaches, fast zerbrechliches Geschöpf, war die stärkste Stütze und nie ermüdende Helferin Georges Pitoeffs, des Schauspielers, Regisseurs und Bühnenleiters, der – ehemaliger Stanislawskischüler – eine ganz neue, bisher unbekannte Note in den französischen Darstellungsstil brachte. Georges und Ludmilla Pitoeff waren eine geschlossene Einheit. Im Leben wie auf der Bühne. Beide Besessene des Theaters, das sie mit aller Leidenschaft liebten, mit Eifersucht, mit selbstlosester Hingabe, ohne Profit zu suchen und auch ohne ihn zu finden. Ihre Armut wurde sprichwörtlich. Sie erschien wie ein genialer Reichtum. In ihrer Kunst, in ihrem Dasein, in der Inszenierung auf der Bühne, wie in der Gestaltung der Charaktere. Freunde erzählen, wie oft in ihrem kopfreichen Haushalt nur Brot und Buchweizengrütze auf den Tisch kamen, um den Hunger zu stillen. Aber welch ein Reichtum an Einfällen, an Ideen und welch unermüdliche Energie in der Arbeit. Beide glühten für das Theater. Und füreinander. „Wir brannten unser ganzes Leben wie eine einzige Fackel“, sagte sie von sich und Georges Pitoëff, von ihrer Arbeit und von ihrem Zusammenleben. Und als Georges Pitoëff gleich nach Kriegsausbruch als Emigrant in Genf einer Herzattacke erlag, fast auf den Tag zwölf Jahre vor ihr, ahnte niemand so viel Willenskraft, Mut und Energie in dem zierlichen, Körper, um diesen Verlust zu überwinden.

Als Ludmilla 1919. mit der Truppe ihres Mannes zu ihrem ersten Chorspiel von Genf nach Paris kam – es war mit Lenormand’s „Les Rates“ (Die Gestrandeten) –, wollte niemand glauben, daß diese hinreißende Darstellerin zarter Kinder mit den großen sprechenden Augen, die alles in ihren Bann zogen, bereits selbst Mutter von drei entzückenden Kindern war. Ihre große Stärke waren die naiv hintergründigen Seelenzustände der sich eben zur Reife entwickelnden Jugend, diese empfindsamen Übergänge, dieses schamhafte Sich-Häuten der Seelen einer Ophelia im „Hamlet“, Nora und vor allem der „Heiligen Johanna“. Das waren Erlebnisse voll innerer Eigenwilligkeit, voll packender mystischer Rätsel. Noch mit sechsunddreißig Jahren faszinierte sie 1934 im „Vieux Colombier“ als vierzehnjährige Hedwig („Wildente“) und hatte inzwischen die Zahl ihrer reizenden Rängen auf sieben erhöht.

Die Zahl ihrer Rollen ist unübersehbar. Und ebenso die der Autoren, denen sie zum Erfolge verhalf. Die Russen, besonders der weiche, verträumte Tschechow. Pirandello wurde durch sie eine Offenbarung, die die ganze französische Schriftstellergeneration nach dem ersten Weltkrieg auf das Nachhaltigste beeinflußte. Sie verhalf Anouilh zu seinem ersten großen Erfolg im „Reisenden ohne Gepäck“ in der Rolle des kleinen Jungen. Claudel, dessen Stücke sie ganz besonders bevorzugte, wurde ihr bester Freund und Berater. Ibsen, Strindberg, Maeterlinck, Bruckner, Cocteau, Steve Passeur, Jules Supervielle und viele, viele andere. Sie lebte nur für die Kunst, die Kunst des Theaters. Persönliche Bedürfnisse kannte sie kaum. Der größte Luxus, den sie sich einmal leistete, war der Besitz eines eigenen Autos aus dem großen Erfolg ihrer „Johanna“. Volle zwei Jahre währte das Vergnügen. Da ging eben zur rechten Zeit der Wagen zu Bruch mit Totalschaden, und die Versicherungssumme reichte gerade, um die Inszenierung von Schnitzlers „Reigen“ zu ermöglichen mit neuen Triumphen für sie in der Darstellung der sämtlichen Frauenrollen. –

Ludmilla Pitoeff hatte die so seltene Kunst, ihre Rollen zu leben. Lenormand, der vor kurzem verstorbene französische Dramatiker, der die Pitoeffs einst aus der Schweiz nach Paris gebracht hatte und ihr bester Biograph ist, bezeichnete diese wundervolle Gabe als die „intime Übereinstimmung mit der Substanz“. Kamen ihr Skrupel über ein Stück oder über die Darstellung ihrer Rolle, konnte sie mitten in der größten Erfolgsserie die Rolle abgeben ohne Rücksicht auf die finanziellen Nackenschläge, die sie sich selber zufügte. Alles, was Betrieb, was Geschäft war, hielt sie sich energisch fern. Sich und ihrem Gatten. Die Jahre des Krieges, die sie in Amerika verbrachte, waren ihr entsetzlich. „New York hat gar kein Theater. Alles Geschäft, Geschäft, Geschäft!“ Und sie ging nach Kanada und spielte Racine, Claudel, Anouilh.

Eine starke Religiosität, die sich mit den Jahren immer mehr vertiefte, verlieh ihrem schwachen Körper unsagbare Kräfte. Als sie 1946 von Amerika nach Paris zurückkam, wollte sie die Bühne nicht mehr betreten. Erst dem Drängen des jungen Regisseurs Jean Mercure gelang es, sie für das Theater zurückzugewinnen. Und sie schuf Gestalten, die unvergeßlich bleiben. Treu folgte sie der Tradition ihres verstorbenen Gatten und setzte sich mit ihrem ganzen meisterhaften Können für junge, unbekannte Autoren ein. Von ihrer letzten Rolle, als die englische Dichterin Charlotte Brontë in „Survivre“ (Weiterleben) – ein Titel, der eine seltsam tragische Bedeutung für sie bekommen sollte –, dem Drama des bisher kaum bekannten Michel Philippot, schrieb einer der ersten Pariser Kritiker: „Oh! Hätten Sie Ludmilla Pitoeff sterben sehen ... ein Hauch öffnet ihre Lippen. Die langen Wimpern verdecken halb die dunklen Augen... Das Haupt sinkt zurück. Eine gebrochene Blume. Und man könnte meinen, ein Dämmern bleicht ihre Stirn unter den streng gescheitelten schwarzen Haaren dieser leidenschaftlichen Puritanerin.“ Bis zum letzten Augenblick spielte sie im kleinen „Théâtre des Noctambules“ im Quartier Latin ihr Schicksal, ihre Wünsche: Weiterleben, bis jetzt die unruhig flackernde Flamme erlosch, um zur Ruhe zu gehen in Creuxde-Genthoud, dicht in der Nähe von Genf, an der Seite ihres dort ruhenden unvergessenen Gatten.

Paul Ellmar