Es gibt zwei Arten von Torschlußpanik, eine mittelbare und eine unmittelbare. Die unmittelbare ist darauf gerichtet, ein bestimmtes Ziel zu erreichen: noch schnell etwas unter Dach und Fach zu bekommen, ehe es zu spät ist. So beispielsweise das alliierte Gesetz zur Beschlagnahme sämtlicher deutscher Vermögen im Ausland, das gerade eben noch beschlossen wurde, ehe man sich auf der Konferenz von Washington über die Formel für die deutsche Partnerschaft in Westeuropa einigte.

Die mittelbare Torschlußpanik geht noch weiter; sie bemüht sich, über die eigene Einflußnahme hinaus etwas zu verhindern, was sonst vielleicht in Zukunft geschehen könnte. Wenn das Beaverbrook-Blatt Daily Express kürzlich versuchte, die Frage der in Werl inhaftierten Kriegsverbrecher zu einem Thema des englischen Wahlkampfes zu machen, so kann dies nur bezwecken, die Konservativen auf die bisherige Labour-Politik festzulegen. Denn, welche Partei könnte es wagen, sich öffentlich für deutsche Generale, die von britischen Gerichten als Kriegsverbrecher verurteilt wurden, einzutreten? Und natürlich wird nur von Generalen gesprochen. Daß in Werl sehr viele kleine Leute sitzen, die, ohne es zu bemerken, in den verbrecherischen Mechanismus des totalitären Regimes hineingeraten sind, und deren Schicksal das Herz der Arbeiterregierung eigentlich rühren müßte, das wird nie erwähnt. Niemand spricht von den beiden Arbeitsdienstjungen, die mit achtzehn Jahren gezwungen wurden, an einer Exekution, die die Polizei angeordnet hatte, teilzunehmen und die deshalb zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Und niemand spricht von jenem Fahrer, der eines Tages den Befehl bekam, ein Exekutionskommando zum Tatort zu fahren und der deswegen dann zu zehn Jahren verurteilt wurde, während ein Kamerad, der in einem anderen Falle das Grabschaufel-Kommando anführte, fünfzehn Jahre bekam.

Die bisherige englische Regierung ist den vielfachen Eingaben und Bitten um eine echte Revision nicht nachgekommen, sie hat nichts getan, um die im Sinne des Strafrechts Schuldigen von den im gleichen Sinne Unschuldigen zu scheiden. Sie ist vielmehr unbeirrbar in der selbstgefälligen Gewißheit, daß ihre Gerichte unfehlbar Recht gesprochen haben. Wer von den für diese Frage Zuständigen aber wäre wohl bereit, dafür zu bürgen, daß diese Prozesse, fänden sie, unbeeinflußt von der damals begreiflichen allgemeinen Empörung, heute noch einmal statt, wieder zu denselben Urteilssprüchen führen würden? Dff