Wenn die Abschlußzahlen für den September vorliegen, wird zu erkennen sein, daß der Bestand an Spareinlagen bei den öffentlichen Sparkassen jetzt die 3-Milliarden-Grenze überschritten hat. Ist das viel – oder ist diese stattliche Summe von 3 Milliarden immer noch relativ niedrig? Eine solche Frage läßt sich, mangels hinreißender Vergleichsmaßstäbe, schwer eindeutig beantworten. Sieht man die Entwicklung seit der Geburt der D-Mark ein wenig genauer an, so ergibt sich zunächst, daß aus der Umstellung ein Block von 2,2 Milliarden DM stammt. „Netto“ sind also in den 39 Monaten seit Juni 1948 nur etwa 800 Mill. DM an Einlagen zugewachsen (die Zinsgutschriften mitgerechnet). Das Ergebnis erscheint enttäuschend, gibt aber noch kein zutreffendes Bild von der Entwicklung, die sich diskontinuierlich in einem beinahe „dramatischen Wechsel“ zwischen Zuwachsperioden und Zeiten der Abschmelzung vollzogen hat. So ist bereits in den ersten sechs Monaten nach dem Währungsstichtag bei Einzahlungen von (immerhin!) fast 100 Mill. DM im Monatsdurchschnitt, aber etwa doppelt so hohen Abhebungen, per Saldo eine Bestandsverminderung um 600 Mill. D-Mark eingetreten.

Mit dem Januar 1949 aber ist schon der Tendenzumschwung da: die Einzahlungen wachsen (relativ) stetig, während die Auszahlungen für anderthalb Jahre etwa auf der gleichen Höhe bleiben, so daß Mitte 1950 bereits ein Bestand von 2,7 Mrd. DM erreicht ist. Im 2. Halbjahr ist dann, abgesehen von dem relativ günstigen Oktoberergebnis, der Zuwachs nur noch gering, weil die Auszahlungen mehr und mehr zunehmen, während die Einzahlungen sich nicht wesentlich verringern; der Dezember bringt dann erstmalig einen Auszahlungsüberschuß. Für das 2. Halbjahr 1950 insgesamt ist der Zuwachs auf 94 Mill. DM zurückgegangen, während das 1. Halbjahr 484 Mill. DM erbracht und damit das Ergebnis des ganzen Jahres 1949, mit 444 Mill. DM, übertroffen hatte. Bis zum März des laufenden Jahres hält dann der Auszahlungsüberschuß an. Im April liegt die Wendemarke. Nun wird bei den Einzahlungen, trotz aller politischer Spannungen, wieder der Stand von „vor Korea“ erreicht; die Auszahlungen, wenn auch noch um 25 v. H. höher als in der Zeit vor Juli 1950, liegen nun so weit unter den Einzahlungen, daß sich zunehmends ein Plus ergibt: Normalisierung. Das also geschieht in einer Zeit, in der von den Hausfrauen (und den Gewerkschaften, den Beamtenbünden, den „Verbrauchern“ überhaupt) ständig weiterhin über die „wachsende Verteuerung“ der Lebenshaltung geklagt wird, während die Indexziffern deutlich die Wendung zur Preisstabilität erkennen lassen. Die Parallele zu Anfang 1949 ist ohne weiteres gegeben: hier wie da reagiert der „unbekannte Sparer“ sofort und entgegen der öffentlichen Meinung auf die (objektiv) gewandelte Preissituation.

Die Lehre, die sich daraus ergibt, ist also ganz einfach die, daß „der“ Sparer trotz der Enttäuschungen, die ihm die Modalitäten der Währungsumstellung bereitet haben, durchaus willig und bereit ist, Kapital anzusammeln, wenn ihm nur die Voraussetzung der „Kaufkrafterhaltung“ gegeben wird. In ihrem „Jahresbericht 1950“, der gerade jetzt herausgekommen ist und dem Sparkassentag (am 3. und 4. Oktober, in Berlin) vorliegt, formuliert die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sparkassen- und Giroverbände und Girozentralen“ diese Erkenntnis wie folgt: „Die sich daraus ergebenden sparpolitischen Folgerungen richten sich an die Wirtschaftspolitik und gehen dahin, dem Sparer durch eine Politik stabiler Preise und des Gleichgewichts zwischen Preisen und Löhnen die Gewißheit der Kaufkrafterhaltung des Sparkapitals zu geben, und so auch dafür zu sorgen, daß der Anteil der Sparrate am Einkommen nicht durch höhere Preise für den Lebensunterhalt in Anspruch genommen werden muß.“ Das ist zweifellos klar und richtig gesehen. Fragt sich nur: wie „macht“ man stabile Preise?

Diese Frage läßt sich zunächst einmal leichter vom Negativen her als positiv beantworten. Nämlich: daß gar nichts damit gewonnen ist, wenn Minister und Politiker allsonntäglich erklären, man werde ganz bestimmt und unter alten Umständen den Weg in eine Inflation nicht gehen Solche Versicherungen sind höchst überflüssig, weil ja, solange es überhaupt ein modernes Geldwesen mit seiner immanenten Inflationsgefahr gibt, noch niemals eine Inflation mit voller Absicht und nach vorbedachtem Plan gemacht, „gewollt“ worden ist: das Abrutschen ist stets contre coeur erfolgt, wider Willen und niemals absichtlich, und sofern es geschah, haben alle officiosi so lange, wie sie nur konnten, obendrein bestritten, daß der Prozeß bereits angelaufen sei... Durch solche Erfahrungen gewitzigt, meint das Publikum, wenn gar zu viel von der an sich selbstverständlichen Ablehnung des „Auswegs“ in die Inflation gesprochen wird, daß dort, wo Rauch sei, ja doch wohl Feuer sein müsse, und fühlt sich beunruhigt.

Also: man erspare uns künftig diese Sonntagsreden. Dagegen wäre es gut und nützlich, für eine wirkliche Beruhigung an all jenen neuralgischen Punkten zu sorgen, die außerhalb des Bereichs der hohen Politik vorhanden, also (im Gegensatz zu jenen) durch die eigene Wirtschafts- und Finanzpolitik beeinflußbar sind. Nicht nur Herr Schäffer, sondern wir alle könnten ruhiger schlafen, wenn nicht in den ersten fünf Monaten des laufenden Etatsjahres ein Defizit von 700 Mill. DM im Bundeshaushalt entstanden wäre, das offensichtlich noch für eine ganze Weile weiter, anwachsen wird oder muß. Wer aber findet sich, um den Finanzministern der Länder ins Gewissen zu reden, daß sie das Ihrige dazu tun, um den Bund zu entlasten? Es ist eben leichter, sich darüber zu entrüsten, daß Schäffer gewisse Zahlungen an die Länder gesperrt hat... Und wenn schon der eine große Block der Bundesausgaben, nämlich derjenige derBesatzungskosten, nicht zu verringern ist: warnen läßt sich dann nicht so etwas wie eine Front der öffentlichen Meinung aufbauen, um die Forderung voranzutragen, daß eine vernünftige, eine wirklich rationelle, sparsame (und dabei auch wirkliche soziale) Ausgabenpolitik bei den anderen großen Ausgabenblocks betrieben wird, nämlich bei den sozialen Hilfsleistungen? Aber offenbar traut sich niemand, dies heiße Eisen anzufassen und sich den Vorwurf einer „unsozialen Gesinnung“ zuzuziehen.

Auch abgesehen von den Problemen der öffentlichen Finanzen bleibt ja noch einiges zu tun, um eine möglichst realistische Beruhigung wegen der weiteren Preisentwicklung zu schaffen. Hierzu enthält der letzte Monatsbericht der Bank deutscher Länder einige beherzigenswerte Hinweise. Zunächst wird da auf die (inzwischen durch einen Kompromiß zu einem Teil gelöste) Frage hingewiesen, daß die verarbeitende Industrie ganz überwiegend ihre Kohle zum Überpreis von 77 DM je t bezahlen muß, also immer weniger zum Normalpreis (von 42 DM) zugewiesen erhält. „Die bisher geübte Praxis der ausschließlichen Belastung der verarbeitenden Industrie“, so heißt es da, „hatte übrigens auch die unerwünschte Konsequenz, daß sich hierdurch für die betroffenen Betriebe das Verhältnis zwischen Kohlen- und Stromkosten völlig verzerrt hat. Der als Folge hiervon (wie auch als Folge der Kohlenverknappung überhaupt) sehr stark angestiegene Stromverbrauch für industrielle Zwecke drängt zu einer Neuordnung des ganzen Komplexes der gebundenen Kohlen- und Energiepreise.“ Die jüngste Entwicklung habe, so wirdweiter gesagt, zu einer großen Unsicherheit über die künftige Kostengestaltung in der Industrie geführt, zumal auch noch unklar sei, wie hoch ab 1. November (nach Ablauf der Übergangsregelung) die Eisen- und Stahlpreise sein werden, und ob es bei den Verkehrstarifen zu einer Erhöhung kommt. Diese Unsicherheit hat nun, wie mit Recht festgestellt wird, vielfach die Bereitschaft beeinträchtigt, gegenwärtige Kostenerhöhungen aufzufangen. Wichtig ist ferner, daß der Bericht, nach einem Hinweis darauf, daß erst und nur „die relative Stabilhaltung der Preise“ eine erhebliche Steigerung des Realeinkommens breitester Schichten der Arbeiterschaft ermöglicht hat (Juni 1951: + 9 v. H. gegenüber Juni 1950, also „vor Korea“, und + 73 gegen Ende Juni 1948!), das Folgende betont: „Im Interesse einer weiteren Stabilerhaltung der Preise liegt es nun aber auch, daß die engen Grenzen, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen (nämlich bei stagnierender Arbeitsproduktivität) einerweiteren Erhöhung der Löhne gezogen sind, nicht mißachtet werden.“

Was sonst noch zur Ermutigung des „unbekannten Sparers“ geschehen könnte, läßt sich in wenigen Sätzen sagen. Die „Arbeitsgemeinschaft“ legt Wert darauf, daß die Steuerbegünstigungen für den Sparer erhalten bleiben (und nicht unnötig im negativen Sinne diskutiert werden): ein gutes Viertel aller neuen Spareinlagen sind solche „begünstigten“ Gelder. Man wünscht sich ferner, daß möglichst wenig über irgendwelche Zwangssparpläne geredet wird, etwa im Zusammenhang mit der Investitionshilfe: „Zwangssparen ist kein Sparen, sondern gehört in den Bereich der Steuern.“ Weiterhin wird erneut gefordert, daß im Zuge des Lastenausgleichs die Bereinigung der Fehlentscheidungen erfolgen müsse, die bei der Geldumstellung (1948) durch ausländische und inländische Berater getroffen worden sind. Es handelt sich also da um die Anrechnung des „Kopfbetrages“ auf vorhandene Guthaben und um die Tatsache, daß Spargelder von 100 auf (bestenfalls ...) 6,5 umgestellt worden sind, anstatt auf 10. Beide Maßnahmen vereint haben dazu geführt, daß 19 Millionen Sparbücher (von insgesamt 30 Mill.) mit einem Schlage „leer“ geworden sind ... „Wenn überhaupt eine besondere Härte der Währungsreform zu beseitigen ist, so ist es nach allgemeinem Urteil das den Sparern zugefügte Unrecht“, so sagt der Bericht völlig zutreffend. Und in der Tat ist ein Lastenausgleich, der „quotale“ Gesichtspunkte berücksichtigt, kaum denkbar, ohne daß auf diesem Gebiete etwas geschieht, nachdem die Soforthilfe bereits unter „sozialem“ Blickwinkel (im Falle des Alters, der Erwerbsunfähigkeit und der Bedürftigkeit) vielfach Unterhaltshilferenten an Sparer gezahlt und damit deren „Aufwertungsansprüche“ erfüllt (oder übererfüllt) hat. – Ganz am Rande sei bemerkt, daß es zu dem obigen Zitat („...wenn überhaupt eine besondere Härte der Währungsreform zu beseitigen ist...“) nicht recht zu passen scheint, wenn an anderer Stelle des Berichtes die gedankenlose Formulierung steht, daß „alles mobile Kapital durch die Währungsreform vernichtet“ worden sei.