Kurt Kusenberg: Die Sonnenblumen (Rowohlt Verlag, Hamburg, 151 S., Leinen 7,80 DM).

Nicht zu verwechseln mit der kindlichen Naivität ist jene einfache Haltung zur Welt, die sich bei vielen Menschen erst spät, bei anderen gar nicht einstellt und die auf Weisheit, Humor, einem kleinen Schuß Spott und einem Quentchen Resignation beruht. Gerade aus dieser Haltung, die so abgerundet scheint, aber in ihren praktischen Erzeugnissen oft abgründig wirkt, schreibt der Autor Kurt Rotenberg seine Erzählungen, von denen jetzt eine Auswahl unter dem Titel „Die Sonnenblumen“ erschien.

„Ein Mann namens Rotnagel erfand einen Klebstoff, der nach Oleander duftete; viele Frauen bedienten sich seiner, um angenehm zu riechen. Gegen diese Unsitte kämpfte Rotnagel heftig an – er wünschte, daß seine Erfindung sinngemäß verwendet werde. Gerade das aber bot Schwierigkeiten, denn der neue Klebstoff klebte nichts ...“ So beginnt die Novelle „Nihilit“. Und so geht sie weiter: Rotnagel – erfindet den Stoff Nihilit. Ein teuflischer Stoff, der stinkt, explodiert und zu nichts nütze ist. Aber der Klebstoff klebt das Nihilit. Aus einem scheinbar so abseitigen und geradezu behaglichen Winkel entlarvt der Autor Kusenberg die Kraft des menschlichen Verstandes. Aber diese Entlarvung bleibt nicht beim Verstand stehen, sie richtet sich gegen die Person als Ganzes: da ist die Geschichte des Herrn Boras, der nach einer nächtlichen Trinkerei nicht mehr Herr Boras ist, der seine Identität verloren hat und in eine ganz neue Familie gerät, wo man ihn als den dorthin gehörigen Familienvater empfängt. Zuerst ist’s Herrn Boras dabei etwas flau, aber dann: „Ach was, dachte er, Familie ist Familie, die Hauptsache bleibt, man hat eine ...“

Kusenberg ist nicht einzugliedern als Kafka-Epigone; wiewohl natürlich ein Stück Kafka in ihm steckt (aber steckt das nicht in jedem von uns, auch wenn wir keine Schriftsteller sind?). Kusenberg ist überhaupt nicht „einzugliedern“, was schließlich wiederum für seinen dichterischen Rang spricht. Paul Hühnerfeld