Wir wissen zwar immer noch nicht, wie die Natur das Erdöl erzeugt, aber wir können es trotzdem schon lange künstlich herstellen. 1931 erhielt Friedrich Bergius den Nobelpreis, weil es ihm schon 1913 gelungen war, ein entsprechendes Verfahren zu entwickeln. Seit 1927 erzeugte die I. G.-Farben A.G. im Leuna-Werk synthetisches Benzin, nachdem das Bergius-Verfahren in ihren eigenen Laboratorien durch Carl Krauch und Mathias Pier weiter entwickelt worden war. Im Jahre 1925 war Franz Fischer, dem Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kohleforschung in Mülheim-Ruhr, und seinem Mitarbeiter Tropsch die direkte Synthese der Kohlenwasserstoffe aus Kohle und Wasserstoff gelungen. Nach Fischer-Tropsch wurden im Jahre 1938 300 000 t synthetisches Benzin in Deutschland erzeugt.

Beim Leuna-Verfahren wird die zerkleinerte, mit Schweröl zu einem Brei angerührte Kohle in 12 m hohen Kesseln unter 200 bis 700 Atm. Druck mit Wasserstoffgas von 460° zur Reaktion gebracht, ein Verfahren, das man als Kohlehydrierung bezeichnet. Im Fischer-Tropsch-Verfahren wird der Koks oder die Braunkohle mit Wasserdampf zusammengebracht. Dadurch entsteht das Wassergas, ein Gemisch aus Kohlenoxyd und Wasserstoff, das nach Reinigung und Umwandlung schließlich durch Kontakt mit großen Flächen eines Katalysators aus Eisen, Nickel und Kobalt in ein Gemisch aus allen möglichen Kohlenwasserstoffen vom leichten Gasolin über Benzin, Öle mit mittlerem Siedepunkt, Dieselöle, Paraffine bis zum festen Ceresin übergeht. Dabei ist die Zusammensetzung durch Wahl des Katalysators lenkbar.

Die Katalysatoren, die alle diese Synthesen herbeiführen – auch beim I.G.-Verfahren spielen Katalysatoren aus Wolfram und Molybdän eine Rolle –, müssen wir auch heute noch als Wunderstoffe, als „Stein der Weisen“ ansehen. Vor der Katalyse hört heute alle Theorie und alle Berechnung auf. Wir verstehen lediglich auf Grund der modernen Atomtheorie, daß und warurn. eine solch unberechenbare Mannigfaltigkeit vorliegt, von der die klassische Atomchemie nichts ahnte. So bleibt es dem aus langer Erfahrung erwachsendem Gefühl, der Kunst und – der Ausdauer der Pioniere der Chemie überlassen, jene geheimnisvollen Zutaten zu finden, die eine gewünschte chemische Reaktion auslösen, allein durch ihre Gegenwart, ohne selbst bei der Umsetzung verbraucht zu werden.

Und nun sind es wieder deutsche Namen, die diese Reihe der Bergius, Krauch, Pier, Fischer, Tropsch fortsetzen, ja die dieses Werk der Kohleverflüssigung zu einer aller Voraussicht nach Epoche machenden Vollendung bringen. Vor dem in Köln versammelten Kongreß der Deutschen Chemiker gab Dr. Kölbel von den Chemischen Werken Homberg der Zeche Rhein-Preußen das Ergebnis jahrelanger mit seinem Mitarbeiter Dr. Fr. Engelhardt gemeinsamen Forschungen bekannt: „Die Synthese von Kohlenwasserstoffen aus Wasser und Kohlenoxyd“. Die Revolution der Mineralölsynthese gegenüber dem I.G.-Verfahren und Fischer-Tropsch besteht darin, daß das Ausgangsprodukt von Dr. Kölbel nicht mehr der Wasserstoff oder das Wassergas ist, sondern das Wasser selbst. Man kann nämlich rechnen, daß die Erzeugung dieser Gase allein etwa 80 v. H. der Produktionskosten verschlingen, während das Wasser und auch das Kohlenoxyd uns in den Abgasen so wohlfeil wie nur möglich zur Verfügung stehen. Die Kölbelsche Synthese vollzieht sich so, daß Wasserdampf und Kohlenoxyd bei einer Temperatur von etwa 180 bis 200° zusammentreten, ohne Anwendung hoher Drucke, aber in Gegenwart ganz bestimmter Gemische von Katalysatoren aus Eisen, Nickel und Kobalt. Die Auffindung dieser Katalysatoren ist die grundlegende Entdeckung. In ihrer Gegenwart entstehen aus Wasserdampf und Kohlenoxyd alle möglichen Kohlenwasserstoffe vom Methan über das Benzin bis zu zähen Paraffinen, wie beim Fischer-Tropsch-Verfahren. Auch Kölbel kann die Zusammensetzung dieses Gemisches durch Wahl des Katalysators steuern. Zur Erzeugung von einem Liter Benzin sind 5 cbm Kohlenoxyd erforderlich. – Das; was vielen als Phantasterei erschien, ist wohlbegründete Wirklichkeit ernster Forschung geworden. Nun hat die Technik und die Wirtschaft das Wort. Dr. Kölbel selbst fährt seinen Wagen schon mit seinem Mineralöl, mit: Benzin aus Wasser! B. L.