Der Präsident der Industrie- und Handelskammer Berlin, Baurat Dr.-Ing. e. h. Spennrath, stellt uns die folgenden Ausführungen zur Verfügung.

Die Berliner Wirtschaft mußte nach dem Zusammenbruch im wahrsten Sinne des Wortes aus den Trümmern heraus neu aufbauen. An realen Werten, insbesondere an Maschinen und Anlagen, war wenig übriggeblieben. Geblieben aber waren der tüchtige Facharbeiter und der erfahrene Ingenieur und Unternehmer. Auch die Blockade hat die Entschlossenheit der Berliner Bevölkerung, mit der sie sich für den Westen entschieden hat, nicht brechen können. Doch erst seitdem auch nach Berlin ERP-Kredite flossen, konnte der technische Stand des Weltmarktes durch Rationalisierung der Betriebe im allgemeinen wieder erreicht werden. Während in Westdeutschland heute die industrielle Produktion von 1936 bereits um rund 35 v. H. überschritten ist, erreicht die Berliner Produktion kaum die Hälfte von 1936, so daß mit rund 290 000 Personen fast ein Drittel der Erwerbstätigen in Berlin arbeitslos sind.

Für die Steigerung der Produktion wurde nun ein Wiederaufbauplan der Industriezweige mit aussichtsreichen Absatzmöglichkeiten aufgestellt. Die Aufstockung der Westberliner Kapazitäten kann dabei freilich nicht aus Ersparnissen der Betriebe finanziert werden, selbst dann nicht, wenn der Unternehmer bereit ist, Kapital nach Berlin zu verlagern: Berlin braucht Fremdkapital. Will man rund 200 000 Menschen zusätzlich beschäftigen, so dürfte der Bedarf auf 1 Mrd. DM geschätzt werden. Mit der Ausweitung von Produktionsstätten muß natürlich die Absatzsteigerung einhergehen. Der bisherige Erfolg der Westberliner Wirtschaft geht daraus hervor, daß die Lieferwerte sich 1950 von 94 Mill. DM auf rund 169 Mill. DM erhöhten und 1951 inzwischen auf 190 bis 200 Mill. DM monatlich angestiegen sind. Die Lieferungen nach Westdeutschland betrugen 1950 durchschnittlich 51 Mill. DM, im Dezember 1950 schon 115 Mill., im Juli 1951 143 Mill. DM. Vielfach herrscht in Westdeutschland noch eine gewisse Zurückhaltung aus der Besorgnis heraus, ob die bestellte Ware aus Berlin termingerecht geliefert werden kann, aber die Berliner Wirtschaft hat bisher immer noch Mittel und Wege gefunden, um gelegentliche Schwierigkeiten im Warenverkehr mit Westdeutschland fristgerecht zu überwinden. So liegt es durchaus im Rahmen der Möglichkeiten, den Westberliner Absatz in Westdeutschland weiterhin zu steigern. Die vor einem Jahr geschaffene Berliner Absatz-Organisation (BAO, eine gemeinnützige Gesellschaft m. b. H.) hat dabei die Aufgabe, im In- und Ausland zu werben, geeignete Lieferanten nachzuweisen und Anfragen aus aller Welt zu sammeln. Sie selbst schließt keine Verträge ab, betätigt sich nicht als Agent und arbeitet für Interessenten und Lieferanten kostenlos. Um aber ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten in Berlin zu schaffen, kommt einer Ausweitung des Exportes besondere Bedeutung zu.

Der Westberliner Export betrug 1950 mit 97,5 Mill. DM etwa 1,1 v. H. des westdeutschen Gesamtexports. Im Juli 1951 machte die Ausfuhr Berlins 20,2 Mill. DM aus und war damit auf rund 1,6 v. H. des gesamtdeutschen Exportes angestiegen. Vor dem Kriege war der Anteil Berlins im deutschen Export dagegen 6 bis 7 v. H.

Produktion und Ausfuhr stützen sich dabei insbesondere auf die Elektroindustrie, die nahezu sämtliche Erzeugnisse elektrotechnischer Art auf dem Starkstrom-, Schwachstrom- und Hochfrequenzgebiet zu liefern imstande ist, auf den Maschinenbau und die metallverarbeitende Industrie, auf die Feinmechanik und Optik, auf die Pharmazeutik und auf die Bekleidungsindustrie. Weltbekannte Namen, wie Siemens, AEG, Osram, Telefunken, Lorenz, Fritz Werner, Borsig, Loewe, Raboma, Zeiss-Ikon, Askania, Schering, um nur einige zu nennen, sind die wesentlichen Träger des Westberliner Exports. 1950 verteilte er sich (der praktisch nur aus Fertigwaren bestand) wie folgt: Elektrotechnik 37,1 v. H., Maschinenbau und metallverarbeitende Industrie 19,2 v. H., Textilien und Bekleidung 12,7 v. H., Pharmazeutik 8,5 v. H., Feinmechanik und Optik 6,8 v. H. und andere Gewerbezweige 15,7 v. H. Rund 75 v. H. des Westberliner Exportes geht in die europäischen Staaten und 25 v. H. nach Übersee.

Die Westberliner Wirtschaft liefert heute wieder Qualitätserzeugnisse zu Preisen, die jeden Wettbewerb aushalten, wobei die vorhandenen freien Kapazitäten verhältnismäßig günstige Lieferfristen ermöglichen. So kann allen Interessenten nur empfohlen werden, auch Westberlin zu Angeboten heranzuziehen. Dafür spricht nicht nur der wirtschaftliche Vorteil, sondern auch die politische Notwendigkeit: Westberlin ist heute das Schaufenster der freien Welt im Osten. Westberlin kann diese Aufgabe nur erfüllen, wenn seine fleißige Bevölkerung in den Stand gesetzt wird, ein Leben zu führen, das der westlichen Welt entspricht. Hierzu braucht Berlin Aufträge aus dem In- und Ausland.