Die Großtagung der deutschen Chemie, die vom 24. bis 29. September in Köln durchgeführt wurde, hat mit prägnanter Deutlichkeit die Sorgenskala der wissenschaftlichen Forschung dargelegt. Deutschlands Öffentlichkeit wurde von Chemikern und Wissenschaftlern, von Industrie und staatlichen Organen auf die große brachliegende Intelligenzreserve aufmerksam gemacht, deren Mobilisierung drängt und deren Abwanderung ins Ausland abgestoppt werden muß.

Mit Freude und Dankbarkeit darf Deutschland, das klassische Land der Chemie, vermerken, daß sich eine Reihe hochqualifizierter Männer aktiv gegen jenen Defaitismus gestemmt hat und auch weiter stemmt, der das einst so stolze Gebäude der chemischen Forschung zum Einsturz bringen könnte. Im Zusammenhang mit unserer heutigen, den vielseitigen Fragen des Exportes gewidmeten Ausgabe der „ZEIT“, hat unser westdeutscher Rlt-Wirtschaftsredakteur mit dem Leiter des Wissenschaftlichen Hauptlaboratoriums der Farbenfabriken Bayer in Leverkusen, Professor Dr. Dr. h. c. Otto Bayer, ein Zwiegespräch über Grundfragen der chemischen Forschung und ihre Auswirkung auf Deutschlands Exportstellung geführt.

„Wir müssen immer wieder den Blick auf die Vergangenheit richten, wenn wir die gegenwärtige Situation der deutschen Chemieforschung verstehen wollen“, begann Prof. Bayer. „Deutschland ist sehr spät erst zur industriellen Großerzeugung übergegangen. Weltfirmen wie IG Farben, Siemens, Krupp sind dabei Beispiele weiträumiger, großzügiger und intensiver Forschungsstätten gewesen. Frühzeitig gingen diese Firmen an die wissenschaftliche Forschung heran. Sie führten ihre Arbeit in engster Gemeinschaft mit den Hochschulinstituten durch.“

Und dann plaudert Professor Bayer; es geht quer durch Jahrzehnte und Konzerne, quer durch Wissenschaft und Spitzenleistungen, und immer wieder kommt er auf den Generalnenner: „Nur solche Werke werden und bleiben bedeutsam und bringen Fortschritt in die Menschheitsgeschichte und ihre Entwicklung, die den Willen und das Zeug dazu haben, Forschung zu treiben.“ Das habe auch das Ausland erkannt und es bemühe sich daher, entsprechende Erfahrungen in Deutschland zu sammeln. Hierzu ein Beispiel aus der Nachkriegszeit: „Alles an Kisten und Panzerschränken, an Patenten und wissenschaftlichen Arbeiten lag aufgebrochen um uns herum. Da erhielten wir eines Tages Besuch einer französischen Industriekommission. ‚Was wollen Sie sehen, meine Herren‘, sagte ich. ‚Hier liegt alles offen.‘ Aber die Franzosen sagten nur, uns interessieren nicht Ihre wissenschaftlichen Ergebnisse; uns interessiert, wie haben die Deutschen organisatorisch jene ungeheuren wissenschaftlichen Ergebnisse erreicht?“

Prof. Bayer fährt fort:

„Wir haben keine starre wissenschaftliche Organisation gehabt, was uns bedeutsam erschien, wurde erforscht. Aber wir bauen auf dem wichtigsten Grundpfeiler der deutschen Volkswirtschaft auf, auf der innigen Verbindung zwischen chemischer Wissenschaft und industrieller Chemie.

Ich verwies die Franzosen auf die Arbeitsweise bei IG Farben. Seit Jahrzehnten hatte diese Firma jährlich 50 bis 100 Mill. Mark, manchmal noch mehr, in die Forschung gesteckt. Das waren rd. 50 v. H. der Gewinne des gesamten Unternehmens. – Traurig schüttelten die Franzosen die Köpfe und sagten: So etwas wäre in Frankreich unmöglich. Dort würden sich die Aktionäre die tüchtigsten Advokaten nehmen und ihre Gesellschaft verklagen, weil sie die höchstmögliche Dividende nicht ausgeschüttet hätten.