Lenard Kaufmann: Schicksal ohne Gnade (Droemersche Verlagsanstalt, München, 328 S.).

Lenard Kaufmann gehört zu jenen amerikanischen Romanschriftstellern, die sich am Journalismus orientiert und es verstanden haben, aus der Reportage eine für uns immer wieder überraschend prägnante und unverzierte literarische Form abzuwandeln. Indem er das Gefühl durch brutale Realität bändigt, unter der Zivilisation den Instinkt hervorholt und unbedenklich nach dem Motto „nichts Menschliches ist mir fremd“ verfährt, erzielt er eine epische Tragik, die alle Einwände stumm macht.

Die gutbürgerlichen Eltern eines zwanzigjährigen Geisteskranken haben nach langem Suchen eine Pflegerin für ihren Sohn gefunden, von der er sich auch pflegen läßt, weil er ihr in seiner instinkthaften Weise verfallen ist. Ebenso verfallen ist diese Pflegerin ihrem skrupellosen Mann, der nach drei Jahren Sanatorium auf der Bildfläche erscheint und die Situation ausnutzt. Entweder du zahlst, sagt er zum Vater, oder ich nehme deinem Sohn die Pflegerin. Der Vater zahlt, er muß zahlen, denn ohne Pflegerin, ohne diese eine Pflegerin wohlverstanden, muß sein Sohn zugrunde gehen (wie sich gezeigt hat, als er einmal nicht zahlen wollte). Der Tragik letzten Schluß übersieht er aber erst, als der Gauner auf einen Schlag die ganze Existenz fordert. Nur der Tod des Sohnes kann den gordischen Knoten lösen. Während der Vater in die Stadt fährt, um das Chloroform zu kaufen, stürzt die Mutter den Sohn die Treppe hinunter. Ein Unfall, wird sie ihr Leben lang behaupten... Daß dieser Roman „Schicksal ohne Gnade“ mehr ist als die Schilderung einer amerikanischen Familientragödie, verdankt er der einfachen Erzählerkunst seines Autors, die selbst noch im Abwegigen menschliche Wärme zu erzeugen vermag. h. schl.