Von Henri Matisse

Farbe ist aus sich selbst und hat reine Schönheit. Dies haben mir die japanischen Seidenkreppe, die ich um einige Sous in der Rue de Seine kaufte, geoffenbart. Ich begriff, daß man mit ausdrucksvollen Farben arbeiten kann, die nicht unbedingt beschreibender Natur sind. Der Anfang war allerdings enttäuschend. Aber ist Redekunst nicht um so mächtiger, wirksamer, je brutaler die Mittel .sind? Auch van Gogh war von den Seidenkreppen begeistert.

Als mein Auge einmal entschlackt, durch die japanischen Kreppe gereinigt war, hatte ich die Fähigkeit erworben, Farbe in ihrer erregenden Kraft aufzunehmen. Wenn ich instinktiv die Maler des frühen Mittelalters im Louvre und später die orientalische Kunst, ganz besonders in der ausgezeichneten Ausstellung in München bewunderte, so deshalb, weil ich hier eine erneute Bestätigung fand. Die persischen Miniaturen zum Beispiel wiesen meiner Empfindung alle Möglichkeiten. Diese Kunst erwirbt sich durch das Handwerkliche größeren Raum, einen wahrhaft plastischen Raum. Meine Entdeckung half mir über die intime Malerei hinaus zu kommen.

Die Offenbarung kam mir also vom Orient. Erst später hat mich diese Kunst ergriffen, und vor den Ikonen in Moskau begann ich die byzantinische Malerei zu verstehen. Je mehr man seine Bemühungen von einer Tradition, wie alt sie auch immer sein möge, bestätigt findet, um so mehr gibt man sich ihnen hin. Die Tradition hilft uns den Graben zu überspringen.

Man mußte über die Imitation hinauskommen, selbst über die des Lichtes. Man kann das Licht durch die Erfindung der unschattierten Farben hervorrufen, wie man es in der Musik mit den Akkorden tut. Ich habe mich der Farbe als Ausdrucksmittel meiner Empfindungen und nicht als Beschreibung der Natur bedient. Ich verwende die einfachsten Farben. Ich selbst verändere sie nicht; dies geschieht durch die Art, wie sie aufeinander hinwirken. Es handelt sich nur darum, die Unterschiede geltend zu machen, sie zu betonen. Nichts hindert uns, nur mit einigen Farben zu komponieren, wie die Musik, die nur auf sieben Tönen aufgebaut ist.

Es genügt, Zeichen zu erfinden. Wenn man echtes Naturempfinden hat, kann man Zeichen schaffen, die dem Künstler und dem Beschauer gleiches bedeuten. Bakst warf Farben in verschwenderischer Fülle in die russischen Ballette. Nicht die Quantität zählt, sondern die Auswahl, die Anordnung. Der einzige Vorteil, der daraus folgte, war, daß die Farbe von nun an überall Bürgerrecht hatte, sogar in den großen Geschäften.

Ein neues Bild soll ein einmaliges Ereignis sein, eine Geburt, die das Weltbild, wie es der Menschengeist erfaßt, um eine neue Form bereichert. Bei der Arbeit muß der Künstler seine ganze Energie, seine ganze Wahrhaftigkeit und die allergrößte Bescheidenheit aufwenden, um die alten Vorbilder zu vermeiden, die sich allzu willig seiner Hand anbieten und so die zarte Blume ersticken können, die niemals so erblühen wird, wie man sie ersehnt.