Von Dr. K. Pracht, Frankfurt/Main

Wenn wir wirklich am Anfang eines Kunststoffzeitalters stehen, dann müßte Deutschland als eigentliche Wiege der Kunststoffe bei der Ausfuhr von Kunststoffwaren die maßgebende Rolle spielen. Aber das Vorbild deutscher und amerikanischer Erfolge haben in unwahrscheinlich kurzer Zeit in fast allen Ländern eine eigene Kunststoffverarbeitung heranwachsen lassen. Sie fand durch die Knappheit an Rohstoffen während der Kriegszeit einen günstigen Boden, so daß die kunststoffverarbeitende Industrie zu einem Schoßkind der nationalen Industrialisierung wurde. Außerdem verarbeitete man in der Vorkriegszeit hauptsächlich Zelluloid, Kunsthorn und Preßmassen, während heute Spritzgußmassen, Polyvinylchlorid, Superpolyamiden und andere Schichtstoffe vorherrschen. So muß man die heutige Exportlage isoliert betrachten: Immerhin ist aus dem Exportanteil von unter 1 v. H. um 1949/50 heute eine Exportquote von über 10 v. H. vom Umsatz dieses Industriezweiges geworden.

Der Schwerpunkt des direkten Exportes liegt jetzt bei Ver- und Gebrauchsartikeln mit kleinem Auftragsvolumen im Werte von nur einigen hundert Mark, wobei sich die weitaus größere indirekte Exportleistung der exakten Messung entzieht; denn heute wird keine Maschine, keine elektrische Anlage, kein Kraftfahrzeug, kein Meßgerät ohne vielfältige Montage von Kunststoffteilen gebaut. Abgesehen von den Rohstoffsorgen kann die weitere Exportentwicklung dennoch mit Zuversicht beurteilt werden. Allerdings hält sich wohl der Warenkreis in bestimmten Grenzen, denn der Preis eines Artikels hängt weitgehend von der Höhe der Produktionsauflage ab. Hier sind die Amerikaner bei ihrem ungleich größeren Inlandsmarkt im Vorteil. Deutschen Herstellern bleiben daher nur Länder, deren Binnenmarkt zu klein ist, um einer bodenständigen, auf Massenabsatz angewiesenen Eigenindustrie eine Basis zu geben. Bei leicht verformbaren Massenartikeln muß man also eine geringere Exportmöglichkeit in Rechnung stellen.

Aber dies ist nur eine Tendenz und kein Gesetz. Für Gebrauchsgüter gilt neben dem Preis auch der Faktor der Neuheit, der interessanten Form, des Geschmackwandels. Jeder, der hier etwas Neues bringt, wird sich auch im Export durchsetzen, und für neue Ideen ist auch ein namhafter Export bei Massenartikeln wahrscheinlich.

Die eigentlichen Exportsäulen sind aber die Waren spanabhebender Fertigung und Artikel mit technischer Verwendungsbestimmung, wie Konstruktionsteile, Lager, Zahnräder, Rohre oder Behälterauskleidungen. Letztere bedürfen fast immer einer Nachbearbeitung oder eines Einpassens. Hier liegt die Stärke in der individuellen Anpassung der deutschen kunststoffverarbeitenden Industrie auch dem Auslande gegenüber. Die immer vielseitigere Verwendung von Kunststoffen in der Technik (Gewichteinsparung, Korrosionsfestigkeit, Elastizität, elektrische Werte) dürfte der Schrittmacher für eine günstige Exportsituation sein. Im Prinzip gilt ähnliches für die Erzeugnisse der spanabhebenden Verformung, die – wie Zeichen- und Meßgeräte, Gehäuse und Fassungen für optische Instrumente usw. – besonderer Präzisionsarbeit bedürfen.

Besonderes Auslandsinteresse gilt den Erzeugnissen aus Polyvinylchlorid und Superpolyamiden (z. B. Perlon). Sie treten im Gesamtausfuhrbild stetig weiter in den Vordergrund. Bei Plastikfolien hat die deutsche Oberflächenbearbeitung (Drucken, Prägen) den Anschluß an den internationalen Standard wiedergewonnen, auf Teilgebieten ist sie wohl schon führend. Ausgehend von den USA finden Plastikfolien immer mannigfaltigere Anwendungsgebiete (Dekoration, Haushalt, Bekleidung, Täschnerei), so daß sich hier ein traditioneller Exportmarkt eröffnet. Er dürfte auch erhalten bleiben, wenn die USA ihre eingeschränkte Lieferfähigkeit wieder verbessern, weil er auf technischer und geschmacklicher Reife aufbaut.

Bei dem Umfang der möglichen Exportartikel kann man die Situation der Kunststoffindustrie nur an typischen Beispielen beleuchten. Wir stehen erst am Anfang der Kunststoffnutzung; mit einer steigenden Anwendung wird auf vielen Gebieten der Export parallel gehen.