George Santayana: Die Christusidee in den Evangelien. Ein kritischer Essay. C. H. Beck’sehe Verlagsbuchhandlung, München, 268 S., 15,– DM).

Zwischen der Überzeugung, daß die christliche Lehre in rechter Auslegung des Neuen Testaments die offenbarte ganze und ausschließliche Wahrheit ausspreche, und der Ansicht, daß das Christentum „nur“ eine Angelegenheit des subjektiven Meinens und Glaubens sei, scheint ein unüberbrückbarer Gegensatz zu bestehen. Man ist, so stellt es sich den meisten dar, entweder Christ oder Nichtchrist; und der Nichtchrist hat wiederum die Wahl zwischen entschiedener Ablehnung des Christentums und unverbindlicher Anerkennung seines moralischen und kulturellen Wertes.

Aber es gibt noch eine andere Haltung. Es muß sie geben, wenn das Christentum nicht in splendid isolation vereisen soll. Lessing hatte sie, als er den Gedanken von der vorläufigen, zur ganzen Wahrheit nur hinleitenden Funktion der Offenbarung faßte; und Hegel, als er erkannte, daß Religion in der Form der „Vorstellung“ der „Wahrheit des Begriffes“ vorarbeite. Dann aber kamen jene Kritiker, die die Evangelien zu „Mythen“ erklärten und sie damit aus der Welt der Erkenntnis auswiesen, weil Mythos zwar dichterische Schönheit, aber nicht philosophische Wahrheit haben könne. Ihnen gegenüber beharrten die kirchlichen Theologien hartnäckig auf der historischen Gültigkeit und unbedingten Verbindlichkeit eines Kerns in den Evangelien – wenngleich jeder Theologe diesen Kern anders sah und der Laie immer mehr den Eindruck bekam, daß es denn doch wohl beim Christentum vor allem auf die ungefähren Gemütswerte ankommen müsse.

Aus dieser Sackgasse sind zwei Auswege möglich. Den einen versucht jene radikale Richtung der heutigen evangelischen Theologie, deren Programm die „Entmythologisierung des Christentums“ ist. Sie akzeptiert also die Kritik an den evangelischen Berichten, erklärt das Historische daran – die erzählten Fakta über Leben, Tod und Auferstehung des Jesus von Nazareth – – für unwesentlich und bemüht sich, den jederzeit und für jeden Christen gültigen Impuls des Glaubens rein herauszuschälen. Den anderen, umgekehrten Ausweg entdeckte der spanisch-amerikanische (jetzt in Rom lebende) Denker George Santayana: er nimmt die evangelischen Berichte als Mythen ernst in ihrer künstlerischen Wahrheit, die tiefer liegt und umfassender ist als jede dogmatische oder wissenschaftliche! Das Mysterium, das sie verkünden – die „Anwesenheit Gottes im Menschen“ –, ist weder historisches Faktum noch freie Erfindung schweifender Phantasie, sondern „ein dichterischer Ausdruck der Morgendämmerung des Geistes in jedem sinnenden Gemüt“.

Hier wird Hegels philosophisches Anliegen, „die Wahrheit des Christentums im Begriff zu beweisen“, in anderer Wendung aufgenommen: der mythische Glaube an den Gekreuzigten spricht eine Urwahrheit der menschlichen Existenz aus, vor deren Erkenntniskraft sich auch der Nichtchrist nicht verschließen kann. Hier übersteigt, zum erstenmal seit den Ansätzen im deutschen Idealismus, das Christentum sich selbst und gibt seine Schlüsselgewalt preis. Aus Santayanas Untersuchung folgt weder die unbedingte Annahme noch die Verwerfung der christlichen Lehre. Denn sie zeigt, daß man nicht „Christ“ sein muß, um sich in der Nachfolge Christi zu wissen. Christian E. Lewalter