Capri, im Oktober

Man sitzt im Restaurant „Zum Kater Hiddigeigei“ und lauscht der Capri-Saga vom zweiten Weltkrieg. Auf dieser Insel, die aller Welt gehört, empfand man den Krieg nicht viel anders, als wenn plötzlich die Touristen der verschiedensten Völker, die auf der Piazza zusammenkommen, aufeinander einschlagen würden. Bezeichnend sind hierfür zwei Geschichten, die man immer wieder zu hören bekommt. ...

Auf Capri gab es eine Luftabwehrbatterie unter deutschem Oberkommando, aber bedient von Einheimischen. Einmal, zum namenlosen Entsetzen der ganzen Insel, gelang es dieser Batterie, ein amerikanisches Flugzeug abzuschießen. Das Entsetzen steigerte sich, als die Amerikaner am nächsten Tage Flugblätter abwarfen, in denen sie dringend vor der Wiederholung solcher Torheiten warnten. Von da an eröffneten die Capresen das Feuer erst, nachdem die Flugzeuge in sicherer Entfernung über dem Golf von Neapel waren.

Die zweite Geschichte ist die: Die kleine deutsche Besatzung unter dem Kommando eines Sergente (welchen Rang er hatte, habe ich nicht herausbekommen) erfreute sich großer Beliebtheit. Als schon gar nichts mehr zu essen da war, verteilte sie immer noch Brot an die kleinen Jungen von Capri. „Als die Deutschen dann abzogen – Signore, da haben alle geweint, alle! I piccoli e i grandi.“ Es kamen die Amerikaner, und weil der sergente tedesco so gut gewesen war, begaben sich die ragazzi di Capri, unter der Führung eines Dreizehnjährigen, namens Antonio, auf den Kriegspfad. Nun gibt es doch bekanntlich nichts Ärgeres als eine auf Bosheit und Schabernack eingestellte Rasselbande von Jungen. Die engen, winkligen Gäßchen von Capri erleichterten ihr Werk. Mit Angelhaken, fischten sie den Amerikanern die Mützen vom Kopf, warfen allerlei Gegenstände auf sie herunter und verhöhnten sie, wie sie nur konnten. Endlich war es nicht mehr Zum Aushalten. Die Militärpolizei trieb dreißig oder vierzig der Jungen auf der Piazza zusammen. Da trat Antonio vor und erklärte, er sei Il Duce dei ragazzi di Capri und für alles verantwortlich. Mit der Heldenmiene eines Garibaldianers, der in die Hände Ferdinands, des Re lomba von Neapel, gefallen ist, ließ er sich abführen. Was aber geschah? Zuerst wurde ihm eine Zigarette angeboten; an sich schon etwas sehr Schmeichelhaftes für einen Dreizehnjährigen, dann brachte man ihm Essen. Er rührte nichts an. Ganze Ballen von Lebensmitteln und Kleidern wurden ihm gezeigt: Das sollte alles ihm und den anderen Capreser Jungen gehören, wenn sie sich nur anständig benehmen wollten. Auf seine Bitte vurde er wieder auf die Piazza geführt, um zu den Seinen reden zu können. „Dies alles bieten ins die Feinde unserer Freunde an!“, rief er. ,,Dürfen wir es nehmen?“

Es ist beglaubigt, daß die halbverhungerten ragazzi das Angebot mit empörtem Geschrei ablehnten. Aber es dürfte auch feststehen, daß von diesem Tage an, ohne daß man der Erinnerung an den guten sergente tedesco untreu wurde, die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Capreser Jungenschaft sich zu normalisieren begannen.

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Zum ersten Male seit Kriegsende sind in diesem Jahre wieder Deutsche in größerer Zahl nach Capri gekommen. Darunter gab es auch eine ganze Reihe von Schülern und Studenten, die am Strande, bei der Piccola Marina, und in den Oliven- und Orangenhainen der Insel ihre Zelte aufschlugen. Viele von diesen Zelten waren mit schwarzrotgoldenen Wimpeln geschmückt. Was dies gerade auf Capri bedeutet, werde ich noch berichten.