Von Claus Jacobi

Kühl ist dieser Herbst in den österreichischen Alpen. Aber der Strom der Touristen reißt nicht ab: Italiener, Deutsche und Franzosen; Engländer, Amerikaner, Amerikaner und immer wieder Amerikaner. Sie legen in Lederhosen alpines Benehmen an den Tag. Sie brausen in ihren Straßenkreuzern von einem Baedeker-Stern zum anderen und sie campen. „Camping“, das ist der Schlager der Saison. Ebenso wie „nur der arme Mittelstand“ Wert auf feine Kleidung legt, ebenso sucht 1951 „nur noch der arme Mittelstand“ Hotels auf. „Man“ läuft in bügelfaltenlosen Flanells und schmutzigen Röcken herum. „Man“ campt in vollautomatischen Zelten mit Heizung, fließend Wasser und Radio. Ein Handgriff am nächsten Morgen und schon ist das ganze Eigenheim wieder im Heck des Jaguars oder Cadillac verschwunden. Die Tour geht weiter, die Tour im kühlen Herbst quer durch Europa in rasender Hast Und warum diese Eile? Der Empfangschef des Berghotels zuckt die Achseln: „Sie wollen Europa noch einmal sehen. Sie wollen einen letzten Blick auf den alten Kontinent werfen ...“

Burghof, Söller und Kapelle der Feste Hohensalzburg, hoch über der Stadt, läßt die Besucher kalt. In den Folterkammern aber werden sie warm. Dicht drängen sie sich um ihren Führer, dessen leiernde Stimme anschwillt. „You saw Dachau, didn’t you flüstert eine alte Amerikanerin angesichts der Marterinstrumente aus dem 17. Jahrhundert ergriffen einem ihrer Begleiter zu. Ja, er sah Dachau, und während er nun laut und unbekümmert Überlegungen darüber anstellt, daß es offenbar immer Folterkammern gegeben habe, und daß die Einrichtung der KZs wohl nur eine notwendige Folge von Bevölkerungszuwachs und vom Fortschritt der Technik sei, währenddessen erzählt der Dritte der amerikanischen Reisegesellschaft, offenbar frisch aus Budapest kommend und durch die Unterhaltung angeregt, den neuesten Witz aus der ungarischen Hauptstadt, aus der noch immer das Bürgertum zu Hunderten deportiert wird: Ein kleiner, jüdischer Kaufmann, der eines Nachts aus dem Bett geholt und auf einen Lastwagen verfrachtet wird, entblößt im Lichte“ der Scheinwerfer seinen Unterarm, auf dem die in Hitlers KZ übliche Tätowierung sichtbar wird, und fragt den roten Schergen, der ihn verhaftet hat: „Gilt die Nummer noch?“

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Jenseits der Berge liegt schon Italien, liegt Meran und Venedig. Das weiß auch in den österreichischen Schulen, in denen es nicht gerade ums beste bestellt ist, jedes Kind. Der amerikanische Geheimdienst aber, der in diesen Tagen in Salzburg dabei ist, einen ausgedehnten tschechischen Spionagering auffliegen zu lassen, weiß noch etwas mehr. Er weiß, daß zur gleichen Zeit, da der britische Kriegspremier Winston Churchill mit Familie am Lido abgestiegen ist, um in einem Spätsommerurlaub die notwendigen Kräfte für die bevorstehende Wahl zu sammeln, in Meran ein Tourist erschien, mit einwandfreien spanischen Papieren und Namen Otto Skorzeny. Was will der angebliche Mussolini-Befreier, der in Wirklichkeit nichts anderes als ein politischer Kommissar bei einer Fallschirmunternehmung war, in Italien? Er taucht wenig später in verdächtiger Nähe Churchills auf. Und wieder wird ein altes Geheimnis aktuell: Was ist aus den Briefen geworden, die Churchill bis kurz vor Kriegsschluß an Mussolini schrieb, die im Chaos der letzten Kriegstage verschwanden und deren Veröffentlichung heute dem alten britischen Löwen zweifellos einiges Kopfzerbrechen bereiten würde? W. C. hat in den Nachkriegsjahren eine auffallende Vorliebe für italienische Besuche gehabt. Ist er auch diesmal wieder auf der Suche nach der kompromittierenden Korrespondenz? Ist es wahr, daß er von angeblich deutsch-italienischen Besitzern der Briefe politisch erpreßt wird? Und weiß Skorzeny etwas über die Schriftstücke?

Dies nur für Hundefreunde: Es ist nicht schwer, eine Dogge oder einen Pekinesen von Bayern nachÖsterreich mitzunehmen. Aber eher geht das bekannte Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Hund den Weg zurück von Österreich nach Bayern fände. Denn in Österreich herrscht Tollwut, und also braucht jeder Hund, der aus den Ferien heim ins Reich möchte, die Genehmigung des bayrischen Innenministers. Dazu bedarf es ärztlicher Atteste und amtlicher Fragebogen in der üblichen Fülle. Kein Urlaub wäre lang genug, im diese Prozedur zu durchlaufen. Aber Gott sei’s gedankt, wir haben ja noch Besatzungsmächte. Steckt man seinen Hund vorübergehend in ein alliiertes Auto, so darf er darin trotz Tollwut ungeschoren die Grenze passieren. Alliierten Hunden ist die Tollwut in Deutschland erlaubt.

„Am Bodensee herrschen gutes Wetter und die Franzosen, auch wenn es im übrigen Deutschland regnet.“ So stand es in einem aktuellen ausländischen Reiseführer in München. Und wirklich: Die Sonne schien am Bodensee. Um die Herrschaft der Franzosen aber war es schlecht bestellt. „Die Zeiten sind vorüber“, sagte ein einheimischer Friseur, „sie sind sogar schon wieder sehr freundich.“ – „Und warum?“ – Der Konstanzer sieht einen Augenblick über den Bodensee hinüber nach Norden ... „Weil ihr Preußen aufrüstet...“