Von Walther F. Kleffel

Aus der westfälischen Bischofsstadt Paderborn kam unlängst die Kunde, daß die Ratsversammlung beschlossen habe, den „Jahnplatz“ umzutaufen und ihm den Namen des Erfinders der Buchdruckerkunst, Gutenberg, zu geben. Es wurde berichtet, Friedrich Ludwig Jahn, gemeinhin als der „Vater der deutschen Turnkunst“ bekannt, sei als der „Begründer des Nationalismus“ für die heutige Zeit nicht tragbar.

Darob berechtigte Empörung unter den deutschen Turnern, die nun ihrerseits zum Sturm bliesen und die Stadtverordneten wissen ließen, daß, wenn der olle, ehrliche Jahn als Gründer der nationalistischen Bewegung angesprochen würde, man dem nicht minder biederen Gutenberg auch die Schuld an der gedruckten „Schmutz- und Schund’-Literatur zuschreiben müsse. Zudem rief man einen so guten Demokraten wie den Oberbürgermeister Kolb, Frankfurt a. M., zur Hilfe, damit er als Vorsitzender des Deutschen Turnerbundes das starke Gewicht seiner Persönlichkeit in den Kampf werfe.

Der Turnvater hat gesiegt. Man hat in Paderborn nicht nur dem „Jahnplatz“ seinen Namen gelassen, sondern sogar noch einer Straße seinen Namen gegeben, um zu dokumentieren, daß man dem alten Freiheitskämpfer und aufrechten 48er beileibe nicht zu nahe treten wollte.

Dennoch bleibt ein Nachgeschmack. Das Wort vom „Militaristen und Nationalisten“ Jahn ist nun einmal gefallen. Die Verwirrung der Begriffe scheint bereits so weit vorgeschritten, daß viele schon nicht mehr wissen, wer Friedrich Ludwig Jahn überhaupt war.

Der brandenburgische Bauernsohn hat „die Leibesübung als Ausgleich gegen die einseitige Vergeistung des Menschen volkstümlich und zu einem Allgemeingut gemacht“. Er hat auf die Entwicklung der körperlichen Erziehung in der ganzen Welt einen entscheidenden Einfluß ausgeübt: der Turner jedes zivilisierten Landes empfängt, vielleicht ganz unbewußt, noch immer von diesem Manne sein Kommandowort, und was unzählige Turn- und Sportlehrer in den verschiedensten Sprachen heute ihren Schülern insgeheim wiederholen und einschärfen, entsprang einmal seinem Kopf. Die Zeiten haben lediglich eine notwendige Änderung und Modernisierung der Formen mit sich gebracht. Das von Jahn erdachte vierfache F – frisch, frei, fröhlich, fromm – ist heute noch das turnerische Symbol in vielen europäischen Ländern, und die amerikanischen Anhänger seiner Idee nennen sich stolz „Turners“. In nur sechs Jahren seines ruhelosen Lebens hat Friedrich Ludwig Jahn sein Werk geschaffen. Die Turnkunst ist eine „menschliche Angelegenheit, die überall hingehört, wo sterbliche Menschen das Erdreich bewohnen“, so sagt er, und sie soll „die verlorengegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wiederherstellen, der bloß einseitigen Vergeistung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Überfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit das notwendige Gegengewicht geben, und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen.“ Turnkunst gedeiht nur „unter selbständigen Völkern und gehört auch nur für freie Leute“.

Beseelt von den Gedanken eines echten Humanismus, vermochte er auch über die Grenzen seines Landes zu blicken. Für ihn lag das Heil der Menschheit in der gegenseitigen Achtung der Völker untereinander. Es war Herders Entdeckung vom Wert des Volkhaften – es waren seine „Stimmen der Völker“, die Jahn inspirierten. Seine fanatische Liebe zu Deutschland hatte Jahn nicht blind gegen andere Völker gemacht. So konnte auch, wie Oberbürgermeister Kolb in seinem Schreiben an die Paderborner Ratsherren ausführt, im Jahre 1949 ein französischer Oberst als sachverständiger Zeuge in einem Prozeß gegen einen deutschen Turner wegen angeblicher nationalistischer Umtriebe und Ungehorsams gegen die Besatzungsmacht die Persönlichkeit Jahns als eines aufrechten Mannes mit demokracisch-weltbürgerlicher Einstellung würdigen.