Am gleichen Tage, an dem General Dwight D. Eisenhower nach dem Manöver „Operation Gegenstoß“ in Celle erklärte, er glaube nicht, „daß die Politiker ihre Aufgaben allzu gut erfüllten“, bemühten sich die von ihm so kritisierten Politiker in Ottawa, die politischen Voraussetzungen für die Erfüllung jener militärischen Forderungen zu schaffen, die ihnen der General in einer Denkschrift hatte zugehen lassen. Darin hatte Eisenhower nicht nur gefordert, daß die ihm unterstellten europäischen Streitkräfte schneller verstärkt würden. Er hatte zugleich auch für 1952 eine Erhöhung der Rüstungsproduktion der europäischen Mitgliedstaaten der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO) um ein Drittel verlangt. Denn nach seiner Auffassung ist beides notwendig, um das Ziel eines gesicherten Westeuropas bis Mitte 1954 zu erreichen.

Über diese Forderungen ist in Ottawa lange und heftig debattiert worden. Ein französischer Konferenzteilnehmer erklärte dabei: „Für euch Amerikaner besteht das große Problem in der unmittelbaren Bedrohung unserer kollektiven Sicherheit durch Rußland. Für uns liegt das große Problem in der unmittelbaren Bedrohung unseres Lebensstandards, der nicht wesentlich herabgesetzt werden kann, ohne daß die öffentliche Unterstützung des Wiederaufrüstungsprogramms gefährdet wird.“

Es müssen also zur Erfüllung der von Eisenhower als unerläßlich angesehenen militärischen Forderungen bestimmte politische und wirtschaftliche Voraussetzungen geschaffen werden. Zu diesem Zweck wurde auf der Ottawa-Konferenz ein Zwölfer-Komitee – die sogenannten „Zwölf Apostel“ – mit einem Arbeitsausschuß, den „Drei Weisen“ Averell Harriman, Jean Monnet und Hugh Gaitskell, eingesetzt. Sie sollen bis zu der Ende November in Rom stattfindenden Tagung des NATO-Rates einen Situationsbericht ausarbeiten und bis zum Jahresende die Zahlen beschaffen, die den Parlamenten der verschiedenen Mitgliedstaaten als Grundlage für ihre kommenden Etats-Beratungen dienen sollen.

Außenminister Acheson hat um so rechtzeitige Übersendung dieser Unterlagen gebeten, daß Präsident Truman sie bei der Ausarbeitung seiner Anfang Januar dem Kongreß vorzulegenden „Botschaft über den Staatshaushalt 1952/53“ berücksichtigen kann. Der Kongreß wird sich also wahrscheinlich noch im Januar mit dem neuen Auslandshilfsprogramm der Regierung beschäftigen. Die erst kürzlich abgeschlossenen Auseinandersetzungen zwischen dem Weißen Haus und dem Kapitel über die Auslandshilfe für 1951/52, die vom Kongreß um eine Millarde Dollar gekürzt wurde, lassen darauf schließen, daß auch die neue Auslandshilfe auf heftigen Widerstand stoßen wird.

Diese Situation hat der amerikanische Journalist James Reston von der New York Times gründlich untersucht. Truman und Eiserfhower, so meint er, stünden vor der Erkenntnis, daß das von ihnen für die Vereinigten Staaten als lebenswichtig angesehene Programm in Gefahr ist. Nun wird aber selbst die loyalste Unterstützung Trumans durch Eisenhower nicht ausreichen, eine Kongreßmehrheit für die erforderliche Auslandshilfe zu erhalten. Eine Änderung der Haltung des Kongresses wäre nur dadurch zu erreichen, daß Eisenhower sich bereit erklärt, eine Präsidentschaftskandidatur anzunehmen. Dies würde zugleich auch eine bedeutende Wirkung auf die anderen Mitgliedstaaten der NATO ausüben, die auf die Forderungen des Mannes, der der kommende Präsident der Vereinigten Staaten sein wird, viel positiver reagieren werden.

Wenn also Truman sein außenpolitisches Ziel erreichen will, muß er sich damit abfinden, daß Eisenhower sein Nachfolger wird. Trumans Äußerung in seiner Pressekonferenz am 2. August, Eisenhowers derzeitige Aufgabe sei kein Hinderungsgrund für seine Aufstellung als Präsidentschaftskandidat, dürfte bereits ein öffentliches Einverständnis mit einer Kandidatur Eisenhowers gewesen sein. Und Eisenhower hätte als Präsident Gelegenheit, dafür zu sorgen, daß sein Celler Urteil über die „nicht allzu gute Arbeit der Politiker“ revidiert werde. Ernst Krüger