Von Dr. Kurt Pentzlin,Hannover

In den ersten Dezembertagen werden Vertreter des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Gelegenheit haben, auf einem großen internationalen Unternehmerkongreß in Washington wichtige Fragen der Produktion, des Absatzes, der Finanzierung und der Sozialpolitik zu diskutieren. Da bei dieser Gelegenheit auch die Absatzpolitik im allgemeinen und in ihrer besonderen Auswirkung auf das Exportgeschäft besprochen werden soll, wird es notwendig sein, daß neben den Mitteln und Methoden der Absatzpolitik auch einmal ihre wirtschaftspolitische Bedeutung und Auswirkung besprochen wird. Und zwar aus folgenden drei Gründen:

1. Die heute übliche Absatzpolitik, vor allem die der Amerikaner, hat ausgesprochen expansiven Charakter. Sie treibt bewußt eine Politik der Marktausweitung, und zwar nicht nur im Binnenmarkt, sondern sie erstrebt auch eine stärkere Ausnutzung von Exportchancen. Sie will nach einer Formulierung des großen amerikanischen Humoristen-Philosophen Will Rogers den Menschen zu einer Zeit, wenn sie kein Geld dafür haben, Dinge verkaufen, die sie nicht brauchen.

2. Das einzig stichhaltige und ernstzunehmende Argument, das heute noch von sozial denkenden Sozialisten gegen die auf den Unternehmer angewiesene, um einen „Markt“ gruppierte Wirtschaft vorgebracht werden kann, ist ihre Krisenanfälligkeit, d. h. die Häufigkeit, die Regelmäßigkeit und das Ausmaß der periodischen Krisen mit den sozial und auch wirtschaftlich unerwünschten Folgeerscheinungen der Massenarbeitslosigkeit und der partiellen Verelendung.

3. Es besteht Grund zu der Annahme, daß eine – bewußt oder unbewußt – expansive Absatzpolitik mit dazu beiträgt, das Auf und Ab der wirtschaftlichen Wechsellagen auszulösen, zu beeinflussen und krisenverschärfend zu wirken.

Wenn das der Fall ist, dann empfiehlt es sich, gerade in Unternehmerkreisen vorurteilsfrei und kritisch zu untersuchen, ob und wodurch diese für die Gesamtwirtschaft und vielleicht auch für die Einzelunternehmungen Ungünstigen Auswirkungen der Absatzpolitik vermieden oder gemildert werden können. Es muß vor allem geprüft werden, ob es „marktkonforme“ Mittel der Krisenbekämpfung gibt, und welche Rolle in ihrem Rahmen die Absatzpolitik spielen kann.

Es hilft gar nichts, daß durch absatzpolitische Maßnahmen vorübergehend in Einzelfirmen oder in ganzen Branchen die Umsätze gesteigert oder die Verteilungskosten gesenkt werden, wenn durch dieselbe Politik gleichzeitig das Ausschlagen „der Fieberkurve der Wirtschaft“ verstärkt und die „social costs of private enterprise“ erhöht werden. Gewiß ist die bisherige Produktionserhöhung und Produktivitätssteigerung in den USA – und von dort ausstrahlend in vielen Ländern – zu einem großen Teil auf die expansive Absatzpolitik zurückzufahren. Es muß aber verhindert werden, daß diese Politik den Fortbestand der „Unternehmerwirtschaft“ überhaupt gefährdet. Ihre Gefahren liegen – wie immer und überall – in der Übertreibung, in der sinnlosen, d. b. in bestimmten. Konstellationen nicht passenden Anwendung von an sich richtigen, brauchbaren Methoden. Die Absatzpolitik darf eben nicht nur in der Expansion rechnen, sie muß auch mit Kontraktionen der Märkte fertig werden können. Die Gefahren einer falschen Absatzpolitik sind meist zurückzuführen auf die heute manchmal recht begrenzte Fähigkeit oder Möglichkeit, die Aufnahmefähigkeit und Reaktion der Märkte zu beurteilen.

Es muß also dafür gesorgt werden, daß die eine denkbare und von ihren Anhängern immer behauptete Überlegenheit der zentral geplanten und gelenkten Wirtschaft, nämlich der bessere statistische Gesamtüberblick, die Orientierungsmöglichkeit an ausreichenden Daten über Produktion, Vorräte in allen Stufen, Kapazitäten und echten Bedarf, als eine Selbstverständlichkeit auch den im Markte arbeitenden Unternehmern geboten wird. Wer davon überzeugt ist, daß Krisen, also auch die Absatzkrisen, mindestens zum Teil durch falsche, J. h. in der jeweiligen Marktsituation nicht passende Absatzpolitik mitverursacht wird und wer will, daß in Zukunft Wirtschaftskrisen überhaupt vermieden oder wenigstens in ihrer sozial und wirtschaftlich gefährlichen Auswirkung abgeschwächt werden, der muß eine konjunkturbewußte, verhaltene Absatzpolitik befürworten und sich dazu entschließen, entsprechende Methoden zu entwickeln und sie im Unternehmertum populär zu machen. Verhaltene Absatzpolitik heißt: im Rahmen der Finanzierungsmöglichkeiten eines „normalen“ technischen Fortschrittskoeffizienten.

Es muß untersucht werden; wie weit solch ein krisenfreier Wirtschaftsfortschritt das Resultat unbeeinflußter wirtschaftlichen Einzelhandlungen sein kann, und ob er rechtliche und organisatorische Hilfen von seiten des Staates oder aber von seiten der wirtschaftlichen Selbstverwaltung haben muß.