Wer an Eisen denkt, stellt sich himmelstrebende Architekturen vor, oder Maschinen voll dynamischer Wucht. Aber ehe die Tonnenlasten fertiger Träger und geformter Bleche vom Kran erfaßt und ihrer endgültigen Bestimmung zugeführt werden können, durchläuft das Eisen, das an der Ruhr gewonnen, gegossen, gewalzt, geschmiedet, veredelt, zu Stahl gehärtet, gepreßt und gezogen wird, die Umschlagplätze seines tausendfältigen Werdegangs. Der Kunde – etwa der Industriebetrieb, die Baufirma oder die Schiffswerft – braucht eine Vielzahl von Halbfabrikaten oder Einzelteilen, die nicht von einem einzigen, sondern von sehr vielen Herstellern produziert werden: Wollte er unmittelbar einkaufen, so müßte er mit all diesen Werken Verbindung aufnehmen. Über 2000 Abmessungen umfaßt allein das Programm der deutschen eisenschaffenden Industrie mit ihren rund 45 Werken. Tausende von Kunden bedürfen teilweise kleinster Mengen der verschiedensten Erzeugnisse, und ihre Wünsche zu erfüllen ist die Funktion des Großhandels.

Der Mann, der jetzt irgendwo „im Busch“ am Vermessungsgerät steht und die Trasse einer neuen Bahn vermißt und der Mann, der einen südamerikanischen Staatsauftrag für die deutsche Industrie bucht, sind die äußersten Nervenenden des Großhandels eines Weltunternehmens in Eisen. Der Großhandel vertritt den Organismus der eisenerzeugenden und -verarbeitenden Industrie auf dem Weltmarkt, denn der Auslandskunde kennt nicht den augenblicklichen Leistungsstand der Exportindustrie, er ist darauf angewiesen, daß man ihm sagt, was er verlangen kann. Nur wenige Produzenten sind überall in der Welt vertreten, aber die Handelsfirma kennt alle Produzenten und alle Erzeugnisse. Sie kann Bedarf und Angebot aufeinander abstimmen. Der Kunde in Pretoria oder Caracas, der ein bestimmtes technisches Erzeugnis braucht, kennt nicht den Hersteller: Aber er kennt Ferrostaal, und von ihr erwartet er, daß sie ihn an den richtigen Lieferanten heranbringt. Sie muß ihn beraten als Treuhänder seiner Interessen, beraten als Ingenieur und beraten als Kaufmann. Außerdem muß es! angenehm, mühelos und risikofrei sein, in Deutschland einzukaufen. Es liegt an der Handelsfirma, diesen Ruf zu begründen und zu wahren. In solche Aufgaben kann eine Firma nur allmählich hineinwachsen. Man kann weder einen Qualitätsbegriff noch eine Vertrauensbasis organisieren, alles das muß wachsen und reifen. Aus der kleinen Eisenhandlung, die Hermann Nolle 1898 ins Handelsregister eintragen ließ, wuchs die Ferrostaal AG, die aber erst 1950 diesen Namen erhielt, als die Inlandhandelsgesellschaft Steffens & Nolle mit der Exportgesellschaft Ferrostaal GmbH, bzw. N. V. Ferrostaal zusammengeschlossen wurde. Aus Hermann Nolles Eisenhandlung war nun eine Weltfirma geworden, mit Niederlassungen in fast allen Ländern Südamerikas, mit Verkaufsbüros in New York, Shanghai, Bagdad und Teheran und mit Beteiligung an überseeischen Handelsfirmen, vor allem in Südafrika.

Die Auswahl der richtigen Maschinen stellt die Wirtschaft der Länder auf eine solide Grundlage. So erscheint alsbald auf dem Exportprogramm von Ferrostaal der Passus: „Maschinen und Industrieanlagen sowie Planung und Projektierung derselben.“ Sehr viele Lieferanten sind an solchen Gründungen beteiligt. Hier schaltet sich Ferrostaal ein, mit eigenen Betriebsingenieuren, die die Bedürfnisse und Voraussetzungen erforschen. Eine Zuckerfabrik in Südamerika ist etwas anderes als eine Zuckerfabrik in Indonesien, ebenso wie die Erfordernisse an Eisenbahnmaterial, Straßenbaumaschinen oder Landmaschinen überall verschieden sind. Ferrostaal wurde Vertragspartner von Regierungen für die Industrialisierung ganzer Länder, und sie garantierte auch die Unterbringung von Gegenwerten – Südfrüchte, Öl oder Palmkerne – im Einvernehmen mit deutschen Importeuren.

Der zweite Weltkrieg brachte dem Unternehmen schwerste Rückschläge. Das Verwaltungsgebäude ging in Trümmer, und eine Baracke reichte für die wenigen Mitarbeiter aus, die von der einst so starken Belegschaft übriggeblieben waren. Aber wer seinen Blick in fremden Kontinenten geschult hat, verzagt nicht zwischen Holzwänden. Schlimmer war, daß die Industrie in Trümmern lag und das noch vorhandene demontiert wurde, daß die Außenhandelsbeziehungen zerstört waren. Und doch kamen mit den ersten Postsendungen schon Grüße aus aller Welt, und eine Weltfirma freute sich über ein Päckchen Kaffee oder Zigaretten, das ein Werkmeister sandte, dessen Maschinen das Zeichen eben dieser Firma trugen. Die menschlichen Beziehungen waren geblieben. Fünf Jahre später baute Ferrostaal wieder ein Verwaltungsgebäude – größer und schöner und zweckvoller als das alte. (Aus dem Ferrostaal-Buch von Ernst Boyer, Apollo-Verlag.)

The program of the German ironproducing industry alone with its approximately 45 works comprises more than 2,000 muts. Thousands of customers need sometimes very small quantities of the most divergent products; to meet their requirements is the function of the wholesale trade which saves both sides the necessity of maintaining a distribution Organization and stores. This wholesale trade represents in the world market the iron-producing and iron–processing Industries in their entirity. The customer at Pretoria or Caracas who needs a certain technical produet does not know the producer but he knows the German firm of Ferrointerests, as an engineer and as a merchant. And this is the reason for the name of Ferrostaal and German technical exports being identical terms in wide overseas areas.