Die Sorgen der gesamten deutschen Volkswirtschaft über den Außenhandel potenzieren sich in der Kautschukindustrie, die als extremes Beispiel unserer schwierigen Situation gelten kann. Das Funktionieren der deutschen Wirtschaft beruht darauf, daß genügend Rohstoffe eingeführt werden. Dabei ist der Grad der Auslandsrohstoffabhängigkeit für die einzelnen Industriegruppen unterschiedlich. Von der Kautschukindustrie werden eine ganze Reihe von Rohstoffen, insbesondere bestimmte Textilien und Chemikalien verarbeitet, die aus dem Ausland stammen. Vor allem aber wird der Hauptstoff der Kautschukindustrie, der Naturkautschuk und (nach der seinerzeitigen Einstellung der Bunaproduktion) auch der Kunstkautschuk aus dem Ausland importiert. Der Auslandsbezug von Rohstoffen für das Jahr 1950 belief sich für Zellstoff auf 39 v. H., für Eisenerze auf 49 v. H., für Schwefelkies auf 55 v. H., für Felle und Häute auf 56 v. H., für NE-Metall-Erze auf 74 v. H., für Spinnstoffe auf 77 v. H. und für Kautschuk auf 100 v. H. Die Schwierigkeit der Rohstoffbeschaffung wird dadurch verschärft, daß der Naturkautschuk zu 90 bis 95 v. H. aus dem Fernen Osten – aus Malaya und Indonesien – eingeführt wird.

Nach Einstellung der Bunaproduktion in Hüls im Juni 1948 war Deutschland auf die Einfuhr des aus technischen Gründen nicht zu entbehrenden Kunstkautschuks, insbesondere des ölbeständigen Kunstkautschuks, aus USA und Kanada angewiesen, während die Bunaherstellung in der Sowjetzone, in Schkopau, auf vollen Touren weiterlief. Nach Aufhebung des alliierten Verbotes der Bunaproduktion in Westdeutschland läuft jetzt die Kunstkautschukerzeugung in Hüls auf verhältnismäßig schmaler Basis (600 t im Monat = 7 bis 8 v. H. des Gesamt-Kautschukbedarfes) an.

Durch die Verschiebung der Wertrelationen zwischen Import-Rohstoffen und Export-Fertigwaren wird die deutsche Kautschukindustrie noch viel stärker betroffen als die deutsche Volkswirtschaft im allgemeinen. So stieg der Weltmarktpreis für Naturkautschuk 1950 und zu Anfang 1951 relativ am stärksten, während die Kautschukwarenpreise dieser Entwicklung nur zögernd und nicht in vollem Umfang folgten. Wie sich die Wertschere zuungunsten der Export-Fertigwaren verschoben hat, zeigt die untenstehende tabellarische Übersicht.

Obwohl also der deutsche Kautschukwarenexport im Gewicht im Verhältnis zur Naturkautschukeinfuhr von 15 v. H. im Juli 1950 auf 34 v. H. im Juni 1951 stieg, hob er sich auf der Wertbasis nur von 32 v. H. auf 40 v. H., auch wenn das Exportgewicht sich nahezu verdoppelte, der Exportwert sich aber in diesem Zeitraum annähernd verdreifachte. Unabhängig von dem ungünstigen Verhältnis des Exportwertes zum Importwert ist aber festzuhalten, daß der Export vonKautschukwaren aus Westdeutschland laufend angewachsen ist. Von Juli 1950 bis Juni 1951 stieg der Gesamt-Export-Wert um 71 v. H. und der Kautschukwaren-Export-Wert um 187 v. H., sank das Gesamt-Export-Gewicht dank der negativen Entwicklung bei Rohstoffen und Halbwaren um 7 1/2 v. H., während das Export-Gewicht der Kautschukwaren um 97 v. H. zunahm.

Bei der deutschen Kautschukwarenindustrie darf aber nicht vergessen werden, daß neben der direkten Ausfuhr auch der indirekte Export eine Rolle spielt. Die Kautschukindustrie stellt als typische Zubehörindustrie für Apparate, Maschinen und Fahrzeuge innerhalb der weitverzweigten deutschen Wirtschaft einen Grenzfall dar. Der indirekte Export läßt sich nicht genau erfassen; man erhält aber einen Begriff von seiner Größenordnung für die Kautschukindustrie, wenn man bedenkt, daß sich für die indirekte Reifenausfuhr 1950 beinahe eine doppelt so hohe Stückzahl ergab wie für den direkten Reifenexport.

Ein gesunder Export kann sich nur auf Basis eines gesunden Inlandverbrauches entwickeln. Bei der Kautschukindustrie ist hier wiederum zu beachten, daß sie nicht nur Güter für den letzten Verbrauch herstellt, sondern durch ihre Lieferung von Teilen auch Voraussetzung für den Inlandabsatz anderer kompletter Güter bildet. So ist es schon ein Erfolg, daß der Anteil des Exports an der Gesamtherstellung von Kautschukwaren von noch nicht 1 v. H. im Jahre 1948 auf etwa 10 v. H. (Gewichtsbasis) in der Mitte dieses Jahres gestiegen ist. Selbstverständlich bleibt die deutsche Kautschukindustrie auch weiterhin bemüht, den Export noch darüber hinaus zu steigern.

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