Bing, Bing, Bing – zwölfmal erdröhnte der

Schlag der Turmuhr vom Stadthaus.“

So etwa könnte mit traulichem Bing-Gedröhne eine Erbauungsgeschichte für die reifere Jugend beginnen, wie sie Tante Amalie ihrem Neffen Fritzchen alljährlich zum Geburtstag schenkt. Leider ist unsere Geschichte für Fritzchen etwas zu frivol und daher in seinem Bildungspensum auch nicht vorgesehen. Sie steht vielmehr in einem französischen Magazin, das Fritzchen, der erst kürzlich das Stimmbruchalter erreichte und seitdem ein befremdendes Interesse für den väterlichen Brockhaus entwickelt, für gute 2,50 DM an einem Zeitungskiosk erstand.

Besagtes Magazin ist ein für deutsche Leser bestimmter Exportartikel; Marke „Caprices de Paris“. Das Umschlagbild dementsprechend. Druckerei und Verlag laut Impressum in Paris. Die frivole Geschichte ist von einem nicht minder frivolen Sprachkundigen ins Deutsche übertragen worden; ebenso noch einige andere und die neckischen Bildunterschriften, die Gymnasiastenherzen höher schlagen lassen.

Die Tiefenwirkung der „Caprices de Paris“ wäre Fritzens Nervenarzt wahrscheinlich erst in zwanzig Jahren, beim ersten Ehekrisen-Test unter vier Augen aufgefallen – wenn nicht sein Deutschlehrer, ein recht geweckter Mann, schon jetzt über einige Stilblüten gestolpert wäre, die sich in Fritzens letztem Aufsatz fanden und die offenbar einen fremden Stilwillen erkennen ließen. Er ging der Sache auf den Grund, fand das infektiöse Magazin und las, mit ziemlich unpädagogischem Interesse übrigens, wie die Geschichte nachdem es zwölf geschlagen hatte und die kleine kokette Pariserin Anne zu der bitteren Erkenntnis gekommen war, daß ihr Freund Gérard sie versetzt hatte, nun weiterging:

„Sie war sein Fernbleiben erstaunt. Ein tiefer Seufzer fiel von ihrem Herzen. Tief in mürrische Gedanken, hörte sie plötzlich das leise Surren eines Motors. Endlich kommt er, dachte sie, eiligen Schrittes, lief sie an den Wagen ran.“

Nun, wie man sich täuschen kann: es war gar nicht Gérard – „nein, es war ein Mann, sehr gut aussehend und elegant.“ „Gnädiges Fräulein“, sagte er, „ich sah Sie mehrere Male, vergebens, darf ich Ihnen meine Diense anbieten?“ Anne (der Situation sofort gefaßt) sagte natürlich nicht nein, worauf der galante Herr unter diskreter Betrachtung fortfuhr: „Gnädiges Fräulein, lassen Sie mir meine Chance weiter auskosten, was denken Sie dazu?“ Anne „wußte nicht was antworten; aber schließlich dachte sie, da oder anderswo, es ist egal“