Als Graf Coudenhove-Kalergi, der älteste Vorkämpfer für ein „Pan-Europa“, kürzlich zur Europa-Tagung in Hamburg war, machte er in einem Gespräch eine sehr verblüffende Bemerkung. Man sprach über das nicht ganz einwandfreie politische Vorleben einer bestimmten Persönlichkeit, worauf er sagte, dieses „Vorleben“ sei kein Maßstab; man müsse schließlich bedenken, daß die christliche Kirche auf zwei Säulen ruhe: auf Petrus, welcher seinen Herrn dreimal verraten habe, der ihn aber dennoch zum Fels seiner Kirche machte; und auf Paulus, der, wie er selber in der Apostelgeschichte schildere, als Saulus „mit Wohlgefallen“ der Steinigung Stephans, des ersten Heiligen der christlichen Kirche, beiwohnte.

Es mag dahingestellt bleiben, ob es zulässig ist, diese Geschichte überhaupt als Gleichnis aufzufassen – jedenfalls kann man es nicht im Sinne eines Freibriefes für die Leute, die heute ihre Denazifizierungsakten verbrennen, denn sie tun es ja nicht im Geiste des Petrus, der „bitterlich weinte“, sondern im Geiste des Triumphs und der Überlegenheit. In jedem Fall aber gab jene so schlagende Bemerkung dieses vielseitigen weltoffenen Europäers Anlaß zum Nachdenken. Ist es nicht in der Tat so, daß das deutsche Volk sich danach sehnt zu vergessen, nicht immer wieder an die dunklen Kapitel seiner Vergangenheit erinnert zu werden; endlich einmal von neuem beginnen zu können, ohne immer wieder dem heimlichen oder offen ausgesprochenen Einwand zu begegnen: „Ja, aber ihr habt doch ...?“ Es gibt viele, die sich das wünschen. Sie machen nicht viel Worte, legen keine Schuldbekenntnisse ab, und nehmen auch nicht den Rechenstift zur Hand, um die Schuld der anderen, die ebenfalls schwer wiegt, zu bilanzieren und dann über den Saldo zu streiten. Aber es gibt auch viele, die offenbar gar nichts vergessen wollen und die jedenfalls nichts dazu gelernt haben und die so selbstgefällig auftreten und so laut reden, daß man meinen könnte, sie stellten die Mehrheit des deutschen Volkes dar.

Oft fragt man sich, warum uns seit Monaten ständig versichert wird, daß Deutschland jetzt als gleichberechtigter Partner in die europäische Gemeinschaft aufgenommen werde, wenn im entscheidenden Moment doch jedesmal wieder. Vorbehalte gemacht werden und das Mißtrauen die Oberhand gewinnt. Die Antwort auf die Frage, woher dieses Mißtrauen kommt, ist aber sehr einfach. Es bedarf dazu keiner böswilligen ausländischen Presse, keiner demagogischen Hetze; es genügt vollkommen, was jene Deutschen, die triumphierend nicht vergessen wollen, zum besten geben.

Da hat sich beispielsweise in Braunschweig ein geheimes Femegericht aufgetan, das allen Richtern und Beisitzern, die kürzlich bei dem Verfahren gegen den höchst suspekten früheren Generalarbeitsführer und SRP-Vertreter von Bothmer mitwirkten, sogenannte „Urteile“ zugestellt hat. Wegen „Rechtsbeugung, Mißbrauch der Amtsgewalt und Betrug werden Sie zum Tode durch den Strang und zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt“. Im übrigen wird den Adressaten mitgeteilt, daß diese Urteile „am Tage X im Braunschweiger Landgericht vollstreckt“ und ihre Familienangehörigen wegen „Nutznießung zu lebenslänglichem Zuchthaus und Prügelstrafe verurteilt werden“.

Da ist ferner in Schleswig-Holstein auf Grund der Beschlüsse des Entnazifizierungsausschusses dem früheren Gauleiter Hinrich Lohse, der einer der Akteure – des sogenannten Blutsonntags von Altona war, eine Pension von monatlich 200 D-Mark ausgesetzt worden. Jener Blutsonntag im Juli 1932 ging unmittelbar der Beseitigung der Preußen-Regierung durch Papen voraus- und wurde nach der Machtergreifung mit dem Motto „Haltet den Dieb!“ dadurch geahndet, daß man vier junge Kommuisten hinrichtete...

Die vielfältigen Entgleisungen einiger Führer des neuen Soldatenbundes haben ebenfalls die Besorgnis aller vernünftigen Leute, nicht zuletzt im Soldatenbund selbst, vermehrt: General Frießner, der den Einmarsch in Polen damit begründet, daß man damals die rote Flut hätte eindämmen und die deutsche Grenzbevölkerung vor Schikanen hätte bewahren müssen. (Offenbar hat er die Sprüche Hitlers so gut auswendig gelernt, daß er sie gar nicht mehr vergessen kann.) Blutordensträger Oberst Guembel vom Bund deutscher Soldaten in Bayern war es, der Frießner darin beipflichtete, daß der Geist des 20. Juli eine Gefährdung des Soldatentums darstelle, ohne das jeder Wehrbeitrag undenkbar wäre. Brigadeführet Otto Kumm, Kommandeur der „Leibstandarte Adolf Hitler“, war es, der in Hamburg vor 1200 ehemaligen SS-Angehörigen „die Gleichstellung der Waffen-SS mit den anderen Wehrmachtteilen“ forderte, weil jenen jetzt wieder erlaubt sei, sich zu organisieren. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.

Was Wunder, wenn die ausländische Presse, die diesen Berichten nichts hinzuzufügen, ja nicht einmal zu kommentieren braucht, allein mit solchen Meldungen die öffentliche Meinung ihrer Länder in Erregung versetzt? Eben diese öffentliche Meinung aber ist schließlich bestimmend für das, was die Regierung oder die Außenminister jeweils durchsetzen können. – Ein so wohlmeinender, um Gerechtigkeit bemühter Schriftsteller wie Jean Schlumberger, der in Frankreich seinerzeit, mit aller Schärfe gegen das Gesetz der Kollektivhaftung aller SS-Angehörigen auftrat, schrieb im „Figaro“: „Wir vergessen nicht, daß während des Krieges Tausende von jungen Deutschen zwangsweise zur SS gezogen wurden, die mit der Hitler-Ideologie nichts gemein hatten, aber Hitler hat niemals einen SS-General ernannt, der ihm nicht alle politischen Garantien bot... Die Wehrmacht hat sich so oft damit verteidigt, daß sie mit den Verbrechen der SS nichts zu tun hatte – will sie sich jetzt nachträglich mit ihr solidarisch erklären?“