General Dr. Hans Speidel verhandelt für Deutschland in Paris. „Aufnahme Speidels besser als erwartet“, drahtete unser Korrespondent aus der französischen Hauptstadt. Eine befürchtete kommunistische Demonstration gegen das Erscheinen von Rommels einstigem Generalstabschef als Sachverständiger für die Europa-Armee-Konferenz fand nicht statt. Und auch sonst blieb alles ruhig. Speidel selbst schreibt über den Beginn seiner Besprechungen, er habe einen „befriedigenden Start“ gehabt. Das war nicht ohne weiteres zu erwarten, denn der gleiche Hans Speidel war 1933 bis 1935 als erster Gehilfe des deutschen Militärattachés, 1940 als Generalstabschef des Militärbefehlshabers Frankreich und 1944 als Generalstabschef der Heeresgruppe B in Paris gewesen. Daß er nun dennoch als Gesprächspartner in der französischen Hauptstadt empfangen wurde, mag daran liegen, daß Speidel ein Uni cum unter den berufsmäßigen Militärs ist – ein Philosoph nämlich in Uniform.

Geist und Disziplin bestimmten seinen Lebensweg. Der gleiche Oberforstratssohn, der siebzehnjährig im November 1914 als Fahnenjunker in das Württembergische Grenadier-Regiment König Karl eintrat, promovierte im Februar 1925 in Tübingen mit magna cum laude zum Dr. phil. Der gleiche Offizier, der sich im Winter. 1943/44 als Mitglied des Generalstabs in den Tscherkassy-Kessel einfliegen ließ, um mit den eingeschlossenen Truppen den Ausbruch mitzumachen, tröstete nach seiner Verhaftung durch Himmlers Gestapo im Keller der Prinz-Albrecht-Straße einen Mitgefangenen mit dem klassischen Rat: „Lesen Sie Hölderlin, Kamerad: Wer auf sein Elend tritt, steht höher Der gleiche Rebell, dergegen Hitlers Befehl die Zerstörung von Paris verhindern half, verließ in den letzten Monaten mehr als einmal in fliegender Eile den Petersberg, um noch rechtzeitig den Schlafwagenzug nach Tübingen zu erreichen, denn dort, im Historischen Seminar in der Münzgasse, wartete ein akademisches Auditorium auf seine regelmäßigen Colloquien über mittlere und neuere Geschichte.

Dr. Hans Speidel begeht in diesem Monat seinen 54. Geburtstag. Er ist der Typ des beherrschten, maßvollen Mannes, der hart arbeitet, aber sich zugleich seine Zeit so einzuteilen versteht, daß er stets Muße für ein interessantes Gespräch oder ein neues Buch findet. Er bewohnt mit seiner Familie den ersten Stock eines Zweifamilienhauses in Freudenstadt, auf den Höhen des Schwarzwaldes; seine älteste Tochter hat er zunächst an der Sorbonne studieren lassen und sie dann zu Studien nach Spanien geschickt. Er gilt als vorbildlicher Familienvater, legt Wert auf einen guten Tropfen, eine gute Küche und ein gepflegtes Äußeres, bei sich und bei anderen. Er ist Ästhet. Seit langem verbindet ihn eine Freundschaft mit Ernst jünger, den er im Krieg in seinen Stab nach Frankreich holte. Zwar ist er nicht immer der gleichen Auffassung wie der Autor der „Strahlungen“, aber es imponiert ihm, „wie Jünger es sagt“. Und von Jünger hat er, sich auch das Vorwort zu seinem Buch „Invasion 1944“ schreiben lassen, zu seinem Buch, dessen gesamter Stil eine enge Anlehnung an Jünger verrät, und das von Präsident Heuss als „Meister- und Musterstück“ bezeichnet wurde.

Speidels Freunde, die seine Gastfreundschaft loben, schildern ihn als nüchtern und doch phantasievoll, als sparsam und doch großzügig, als eine merkwürdige Mischung von Intellektuellem, preußischem Generalstäbler und württembergischem Königsdemokraten. Der kürzlich verstorbene Kronprinz soll Speidel sehr geschätzt haben. Aller, auch der modernen Kunst gegenüber, ist er sehr aufgeschlossen. Sein größtes Interesse gilt dabei der Literatur. Und über seinem Schreibtisch hängen – dies mag als typisch für ihn gelten – die Bilder des ehemaligen deutschen Generalstabschefs Beck und des Dichters Gerhart Hauptmann beide mit eigenhändigen Widmungen.

Dieser Mann mußte innerlich zur Opposition gegen Hitler gehören. Zwar zählte er nicht direkt zum Kreis des Grafen Stauffenberg, aber er hielt Verbindung zu ihm über den Oberst Hofacker. Wenige Wochen nach dem 20. Juli 1944 wurde Hans Speidel auf Weisung von Himmler verhaftet. Wie mancher seiner Mithäftlinge rechnete er zu jenen Personen, an deren Erhaltung das Nazi-Regime zunächst noch interessiert war. So wurde er denn im Chaos des Zusammenbruchs von der Prinz-Albrecht-Straße über das Lager Fürstenberg, das Polizeigefängnis Potsdam und das Wehrmachtsgefängnis Küstrin bis an den Bodensee geschleppt. Es waren Franzosen, deren Sprache und Kultur er so sehr liebt, die ihn dort im April 1945 befreiten. Nach dem Krieg fuhr Speidel als Manövergast und zu Vorträgen mehrmals in die Schweiz, so daß es bereits hieß, er spiele die Rolle eines eidgenössischen Generalinspekteurs in Zivil. Nun hat er als militärischer Berater des Bundeskanzlers, wobei er ausdrücklich auf ein Gehalt verzichtete, eine neue offizielle Aufgabe gefunden. Wie kein anderer mag er geeignet sein, seinen französischen Freunden die Furcht vor den deutschen Gespenster-Divisionen zu nehmen. C. J.