Seit Alfred Lichtwarks „Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken“ hat es nicht an Versuchen gefehlt, das allgemeine Interesse an der Kunst – besonders der Kunst der Zeitgenossen – zu heben und zu aktivieren. Es kommt bei diesem Bestreben praktisch darauf an, dem durchschnittlichen Betrachter (und möglichen Käufer) zu einem persönlichen Verhältnis vorerst zu bestimmten Bildern und Plastiken und von da aus zur Kunst überhaupt zu verhelfen. Vorteilhaft hat sich in dieser Richtung die Neubelebung der Graphik seit der Jahrhundertwende ausgewirkt, indem sie weiten Kreisen Gelegenheit zum Erwerb billiger, guter Originale bot. Auch die Möglichkeit des „Ratenkaufs“ von Bildern bei der Berliner Galerie Schüler scheint sich bewährt zu haben. Man kann dort für einen bestimmten Monatsbeitrag leihweise drei selbst ausgesuchte Bilder für ein Jahr in seine Wohnung hängen und nach Zahlung der letzten Rate dasjenige, das einem am besten gefällt, als Eigentum behalten. Bei dem Kunsthändler Seel in Wilmersdorf wiederum kommen an einem bestimmten Abend jeder Woche Kunstfreunde zum zwanglosen Gespräch zusammen, in Räumen, die mit stets wechselnden, modernen, zum Verkauf bestimmten Bildern behängt sind.

In der Schlüterstraße in Hamburg gibt es seit einigen Monaten eine private Galerie Zeitgenössische Kunst“. Eigentlich ist es weniger eine Galerie als ein sehr zeitgemäßer Kunstsalon, in der Privatwohnung eines Kaufmannes, dessen Frau mit Grazie und Beredsamkeit einen Kreis von Künstlern, Kunstfreunden und bildungsbeflissenen Laien um sich versammelt. Zwar hat man hier zunächst fast den Eindruck, einen exklusiven Modesalon zu betreten. Aber an den schlichten, hellgrauen Wänden hängen gute, moderne Bilder, Zeugnisse bester zeitgenössischer Kunst, und auf den Tischen liegen Kunstbücher, die eine bekannte Buchhandlung zum Verkauf anbietet.

Im Augenblick sind dort Gemälde und Tuschzeichnungen des kürzlich als Professor an die Berliner Akademie berufenen Alexander Camaro zu sehen, der soeben fünfzig Jahre alt wurde. Die Bilder stammen – aus der großen Ausstellung, die anläßlich der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Berlin an Camaro im „Haus am Waldsee“ in Zehlendorf stattfand; sie werden anschließend auch in anderen westdeutschen Städten gezeigt. Camaro war Schüler Otto Müllers an der Breslauer Akademie, nahm dann 1928 in Dresden Tanzunterricht bei Mary Wigman und trat 1930 als ihr Partner bei der Aufführung des „Totenmals“ in München auf. Die Begabung für den Tanz, den er jahrelang neben der Malerei pflegte, hat auch seine Malerei geprägt. Es ist deshalb kein Wunder, daß der Charakter seiner Bilder so sehr an Degas erinnert, obgleich von augenscheinlichen Einflüssen kaum die Rede sein kann, höchstens in der Peinture, die jedoch eher Anklänge an Braque zeigt. Aber gerade in den fein abgewogenen, niemals grellen Farben, wie blaßblau, graulila, bräunlichgelb und olivgrau, die bei schlechten Malern immer Gefahr laufen, schmutzig zu wirken und damit ihren Wert als Farbe einzubüßen, erweist sich Camaro, nicht weniger als in seiner eigenwilligen Kompositionsweise, als einer der selbständigsten deutschen Maler der mittleren Generation.

Hans Jürgen Hansen