Vom Pr.-Dienst da Vereins der Unternehmer der Textilindustrie im Industrie- und Handelskammerbezirk M.-Gladbach e. V. wird uns geschrieben:

Der wirtschaftlich interessierte Leser wird in den letzten Monaten mit Freude und Erleichterung davon Kenntnis genommen haben, daß Deutschlands Außenhandelsbilanz aktiv geworden ist und daß die Exportziffern sich relativ günstig entwickeln. Im textilen Bereich kann die Gladbacher Tuchindustrie mit Stolz auf einen bedeutenden Anteil an den Exporterfolgen hinweisen. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Momenten, die sich jetzt in dem Sinne auswirken, daß eine Ausweitung und selbst die Aufrechterhaltung des Exportvolumens gehemmt und erschwert wird. Sie liegen außerhalb des Einflußbereiches der Unternehmen – sonst wären sie längst überwunden. So aber müssen sie dargelegt werden, damit diejenigen, die sie aus dem Wege räumen können, sie klar ernennen.

Die gesamte deutsche Textilindustrie hatte von 1934 bis zum Kriegsende ein Erweiterungsverbot, das die Aufstellung neuer Maschinen untersagte. Die Produktion der deutschen Textilmaschinenfabriken ging während dieser Zeit als notwendiger Devisenbringer ins Ausland und verhalf den ausländischen Textilbetrieben zu einem modernen, konkurrenzfähigen Stand, machte einzelne Lander in ihrer Textilproduktion sogar autark. Der Maschinenpark der deutschen Textilbetriebe war infolgedessen nach Kriegsende veraltet. Als 1945 der Wiederaufbau begann, wurden alle verfügbaren finanziellen Mittel zur Beschaffung moderner Maschinen eingesetzt, über die Beträge reichten nicht aus, um zu verhindern, daß die Produktion nur unrationell, mit unverhältnismäßig hohen Kosten belastet, anlaufen konnte.

Dieser Vorbelastung der deutschen Textilindustrie steht das Ausland mit zeitlichem und finanziellem Vorsprung gegenüber. Insbesondere Italien, dessen Textilindustrie etwa die Funktion der deutschen Grundstoffindustrie inne hat, ließ dem textilen Bereich alle erdenkliche Hilfe und Unterstützung angedeihen und konnte damit die erste Konjunktur des Nachholbedarfes der Welt ausnutzen. Während in Deutschland veraltete Maschinen in Gang gebracht werden mußten, entstanden in Italien, Frankreich, Holland, Schweden nach modernsten Gesichtspunkten eingerichtete Textilfabriken, die, voll durchrationalisiert, jeden Preiskampf aufnehmen konnten. Trotzdem ist es der Gladbacher Tuchindustrie gelungen, mit farblich und musterungsmäßig spezialisierten Spitzenqualitäten in die letzte offene Lücke des Nachholbedarfs hineinzustoßen. Das war nur möglich, weil sie innerhalb Deutschlands die leistungsfähigsten Betriebe besitzt und darum preislich mit 20 bis 30 v. H. unter dem übrigen deutschen Angebot liegt. Wenn die Gladbacher Tuchwebereien diesen Vorsprung in der Modernisierung und Rationalisierung vor den anderen deutschen Textilzentren erreichten, so ist das darauf zurückzuführen, daß sich hier sehr schnell die Erkenntnis durchgesetzt hat, wie lebenswichtig ein starker Export auch auf textilem Gebiet ist: nicht nur für die einzelnen Betriebe, sondern für die gesamte deutsche Volkswirtschaft. Man wollte den eigenen Rohstoffbedarf wenigstens zum Teil durch Devisenbeschaffung mitfinanzieren und hoffte, dann die Mittel zur Anschaffung modernster Textilmaschinen (wie Automatenwebstühle) zu bekommen, durch die erst der technische Stand der ausländischen Konkurrenz erreicht werden kann.

Trotz aller Anstrengungen aber scheint das Ziel, die mühsam erreichte Position im Export auch nur zu erhalten, in weite Ferne gerückt zu sein. Seit einigen Wochen stockt der Absatz von Textilien im Inland wie im Ausland. Eine derartige Entwicklung, wohl bedingt durch die endgültige Befriedigung des Nachholbedarfes, ist von vielen vorausgesehen, aber doch nicht so bald (und auf allen Märkten zugleich) erwartet worden. Der Konkurrenzkampf auf den Weltmärkten wird von Tag zu Tag schärfer. Nur die besten Betriebe werden ihm standhalten können – aber sie sind nicht frei in ihren Entschlüssen und Handlungen, Sie sind abhängig von der Kohlezuteilung, die zumeist nur 15 bis 20 v. H. des tatsächlichen Bedarfes deckt. Die Mehrausgaben für den Restbedarf von 80 v. H. und mehr machen eine, exportfähige Kalkulation nahezu unmöglich. Die Steuergesetzgebung läßt keine Sonderabschreibungen zu, um den exportintensiven Betrieben den Anschluß an die technische Entwicklung des Auslandes zu ermöglichen; die in Aussicht genommene 10prozentige Aufwandsteuer für reine Kammgarngewebe würde eine neue Belastung bedeuten. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der allzu bürokratischen Handhabung der Devisenbeschaffung für den Rohstoffeinkauf, wobei die Ausnutzung sich bietender Gelegenheiten und günstiger Konjunkturen oft genug verhindert wird.

Jetzt also müssen andere Stellen eingreifen, da die Aktivität und Wendigkeit des deutschen Unternehmers sich gegen die besonderen Erschwerungen des Geschäfts allem nicht mehr durchsetzen kann. Vor allem müssen Möglichkeiten zu Sonderabschreibungen für die exportierende deutsche Textilindustrie geschaffen werden, die ihr eine Durchrationalisierung bis zur Konkurrenzfähigkeit mit dem Ausland erlauben. Ferner muß die Devisenfreigabe nach kaufmännischen und nicht nach bürokratischen Gesichtspunkten erfolgen, um in Zukunft Millionenverluste zu verhindern, wie sie die Schwerfälligkeit des Verwaltungsapparates in diesem Jahre verursachte. Eine Bevorzugung der exportkräftigen Betriebe bei der Versorgung mit Kohle und Strom gehört ebenso zu den Voraussetzungen für eine gesunde deutsche Wirtschaft, wie eine lebendige und, aktive Mitarbeit der im Export- und Devisenverkehr tätigen Behörden.

Die deutschen Unternehmer wissen, daß der Export für Deutschland eine Lebensfrage ist. Sie haben unter Anspannung aller ideellen und materiellen Kräfte aus den Trümmern des Zusammenbruchs wieder eine Industrie aufgebaut, die hochqualifizierte Waren herstellt. Sie haben mit diesen Waren die ersten Erfolge auf dem Weltmarkt errungen – aber die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit – ist jetzt nicht mehr allein die Sache dessen, der den Mut hat, sich an das Auslandsgeschäft zu wagen. Auch Ton allen indirekt Beteiligten wird nun in dem Ringen um den Auslandsmarkt eine ebenso schnelle, saubere und präzise Arbeit verlangt, wie von den Unternehmern, den Angetellten und Arbeitern der exportierenden Betriebe, die – durch Spitzenleistungen – Spitzenerzeugnisse schufen und so der deutschen Industrie wieder eine Position eroberten.