Von Dr. Bachteler, Solingen

Unter Schneidwaren versteht man folgende Hauptgruppen: Arbeits- und Haushaltmesser, wie sie von Industrie und Handwerk gebraucht werden (Bäckermesser, Konditormesser, Schustermesser, Schlachtermesser) und jene, die in jedem Haushalt zu finden sind wie Brot- und Küchenmesser; ferner Scheren für den Haushalt und für gewerbliche Zwecke (Haushaltscheren, Haut- und Nagelscheren, Geflügelscheren, Stickscheren, Lederscheren, Haarscheren, Schneiderscheren, Garten- und Rebscheren); Taschenmesser einschließlich gewerblicher Klappmesser wie Okulier-, Kopulier-und Kabelmesser; Rasiergerät wie Rasierapparate, Rasierklingen und Rasiermesser; Hand- und Fußpflege-Instrumente (Nagelfeilen, Haut- und Nagelzangen, Nagelknipser); Haarschneidemaschinen der verschiedensten Art; Bestecke aus Eisen und Stahl, und endlich blanke Waffen mit militärischem Charakter (die nur mit Genehmigung für das Ausland – hergestellt werden dürfen) und Hirschfänger, sowie die Vielzahl der Fahrten- und Jagdmesser. Mit der Aufzählung dieser Hauptgruppen dürfte gleichzeitig auch der Nachweis geführt sein, daß es sich bei Schneidwaren nicht um sogenannte „non essential goods“ handelt, wie ausländische Handelspartner oft geltend machen. Durchweg handelt es sich ja um Erzeugnisse, die für Haushalt und Gewerbe einfach unentbehrlich sind.

Abgesehen von Bestecken, die hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen, Bremen und Württemberg produziert werden, konzentriert sich die Herstellung der westdeutschen Schneidwaren auf den Raum Solingen, wenn auch einige bedeutende Firmen außerhalb dieses Raumes liegen. Im Gebiet von Solingen befinden sich etwa 1200 Firmen der Schneidwarenindustrie, von denen viele ausschließlich Heimarbeiter beschäftigen und daher nicht die Bezeichnung „Fabrik“ führen: sie firmieren vielmehr „Fabrikation“. Die Zahl der Heimarbeiter ist stark zurückgegangen. Heute dürften schätzungsweise nur, noch 2500 bis 3000 in Solingen tätig, sein, während die Fabriken etwa 12 000 Beschäftigte zählen. Vorherrschend (mit etwa 40 v. H.) sind dabei die Klein- und Mittelbetriebe bis herunter zum „Ein-Mann-Betrieb“.

Die Schneidwarenindustrie ist von jeher eine exportorientierte Industrie gewesen: Umgerechnet auf das Gebiet der Bundesrepublik betrug die Ausfuhr von Schneidwaren 1929 (wohl dem besten Ausfuhrjahr) rund 65 Mill. RM, wobei 40 bis 50 v. H. der gesamten Schneidwarenproduktion exportiert wurden. So ist es nur verständlich, daß nach dem deutschen Zusammenbruch alles darangesetzt wurde, um den Export wiederaufzubauen, der sich – hauptsächlich aus politischen Gründen – schon vor dem zweiten Weltkrieg rückläufig entwickelt hatte. Bei den ersten Handelsabkommen nach dem Kriege zeigte sich aber bald, daß der Schneidwarenindustrie mit großen Sammelpositionen nicht gedientwar. war begrüßten die früheren ausländischen Kunden die deutschen Schneidwaren, aber viele Regierungen erteilten keine Lizenzen: sei es, weil die einheimische Industrie Einwendungen machte, sei es, weil Schneidwaren zu „non essential goods“ erklärt wurden. In der Praxis standen in vielen Fällen die Ausfuhrmöglichkeiten nur auf dem Papier. Erfreulicherweise gibt es heute eine Reihe von Handelsverträgen, die wieder besondere Positionen aufweisen, doch sind die festgesetzten Wertgrenzen im Hinblick auf die Ausfuhr früherer Jahre zu niedrig, und es sind weiterhin Schwierigkeiten bei der Lizenzerteilung zu verzeichnen. Die Schneidwarenindustrie unterstützt zwar die volle Liberalisierung, erhofft sich dabei allerdings die Beseitigung jeder Einseitigkeit.

Die Faktoren, die der deutschen Schneidwarenindustrie zur Weltgeltung verhalfen, waren vor allem die Güte der Ware, die Vielgestaltigkeit des Sortiments, die genaue Einhaltung der vereinbarten Lieferfristen und mustergetreue Lieferung; nicht zuletzt aber die Beachtung der Grundsätze eines ehrbaren Kaufmanns. Mit Befriedigung kann heute festgestellt werden, daß es in verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen ist, auf der ganzen Linie den Stand von ehedem wieder zu erreichen. Die Entwicklung der Ausfuhr seit dem Zusammenbruch sagt mehr als Worte:

1929 rd. 65 Mill. RM

1938 „27 RM