Schweden und Finnland erhielten neue Regierungen. Sowohl in Stockholm als auch in Helsinki etablierten sich diesmal Koalitionskabinette. Beide Regierungswechsel kamen nicht unerwartet, aber beide Regierungswechsel haben doch interessante politische Akzente.

Schweden, das bisher von einem rein sozialdemokratischen Kabinett regiert wurde, erhielt die erste Koalitionsregierung seit Kriegsende. Schon drei Jahre dauert zwar der Flirt zwischen den Sozialdemokraten und Bauernpartei, aber erst jetzt ist daraus eine Ehe geworden. Der Grand: Die parlamentarische Basis der sozialistischen Regierung war mit der Zeit zu schwach geworden. In der ersten Kammer verfügten die Sozialdemokraten zwar noch über 79 Mandate gegenüber 71 der Opposition, in der zweiten Kammer aber waren sie mit 112 Sitzen gegenüber 118 der Opposition in einer klaren Minderheit. Da außerdem die Wahlen zur zweiten Kammer im nächsten Jahr den Sozialdemokraten wahrscheinlich weitere Mandatsverluste einbringen werden, und da die internationale Lage es der Regierung immer bedrohlicher erscheinen ließ, daß sie schon jetzt in der zweiten Kammer von den Stimmen der Kommunisten abhängig war, aus allen diesen Gründen entschlossen sich Schwedens Sozialdemokraten zur Koalition.

Wenn auch keinerlei Grund zur Vermutung besteht, daß Schweden seine bisherige Neutralitätspolitik aufgeben wird, so zeigt doch die neue personelle Besetzung in Stockholm deutlich, daß sich das Schwergewicht der schwedischen Politik verlagert hat. Im neuen Kabinett, das aus zwölf Sozialdemokraten und vier Bauernparteilern besteht, fehlt das markante Gesicht des durch seine Sozialreformen berühmt gewordenen Gustav Möller. Er wurde durch einen verhältnismäßig unbekannten Parteikollegen ersetzt. Mit anderen Worten: Schwedens Hauptinteresse wendet sich der Rüstung zu; die Sozialpolitik rückt an den – zweiten Platz. Auch das neue Programm der Regierung macht aus diesem Kurswechsel keinerlei Hehl.

In Finnland trat Ministerpräsident Kekkonen zum drittenmal, an die Spitze einer Koalitionsregierung, die aus sieben Sozialdemokraten, sieben Agrariern, einem schwedischen Liberalen und einem Unabhängigen besteht. Mit zwei Finanzministern, drei Landwirtschaftsministern und drei politischen Staatssekretären im Verkehrs- und Sozialiministerium dürfte dieses Kabinett zweifellos einen verblüffenden quantitativen Minister-Rekord aufgestellt haben. Diese ministerielle Übervölkerung erklärt sich aber aus der alles überschattenden Aufgabe der Regierung, die finnische Valuta zu stabilisieren. Dazu braucht man eigentlich Einigkeit zwischen Agrariern und Sozialdemokraten, aber da diese nicht besteht, paßt man am besten gegenseitig auf gleichem Posten aufeinander auf. Dem zweitwichtigsten finnischen Problem, der Außenpolitik, hat Ministerpräsident Kekkonen durch, die Berufung des erst 40jährigen Direktors der Finnischen Bank, Tuomioja, auf den Posten des Außenministers Rechnung getragen. Unter den Agrariern Kekkonens gibt es keinen außenpolitischen Kopf von Format. Da der Ministerpräsident auf der anderen Seite stets Wert auf ein gutes Respektverhältnis zu Moskau gelegt hat, kam auch ein Sozialdemokrat als Außenminister nicht in Frage. Nun scheint es, daß Helsinki in der Person des parteilosen Tuomioja, der zu den treibenden Kräften beim Abschluß des finnischsowjetischen Handelsvertrages zählte, der als Experte in finnisch-sowjetischen Wirtschafts- und Reparationsfragen gilt und der ein naher Freund des Präsidenten „Paasikivi ist, eine glückliche Lösung gefunden hat. Daß Tuomioja zufällig auch noch mit der Tochter der bekannten kommunistischen Schriftstellerin Hella Wuolijoki verheiratet ist, hat gewiß keine unmittelbare politische Bedeutung, aber es wird ebenso sicher ein guter Trumpf der Regierung bei mancher bevorstehenden Cocktail-Party sein.

Wie lange sich die beiden neuen Koalitionskabinette in Stockholm und Helsinki halten werden, weiß heute noch niemand zu sagen. Ihre Bildung aber hat bestätigt, was viele politische Beobachter voraussagten: Skandinavien sieht einem interessanten politischen Herbst entgegen. Engdahl-Thygessen