Deutsche Export-Aussichten auf Jahre hinaus relativ günstig

In den letzten Monaten sind die Auftragsbestände in der deutschen Exportindustrie zurückgegangen. Diese Entwicklung entspricht dem Abflauen der Konjunkturlage in der Weltwirtschaft überhaupt, das sich im Sinken der Rohstoffpreise an den Weltbörsen zeigt. Es liegt nahe, eine gemeinsame Linie beider Erscheinungen erkennen zu wollen und damit die Ansicht zu begründen, daß die Zeit des Verkäufermarktes auch für die deutsche Ausfuhr vorüber ist Und sich nun sehr bald die dürren Jahre bemerkbar machen müssen. Diese Folgerung aus den siehtbaren Zeichen eines Nachlassens der Exportkonjunktur in den letzten Monaten verkennt jedoch die Bedingungen, die noch in den nächsten Jahren den Welthandel beherrschen werden. Der bestimmende Faktor seit Ausbruch des Koreakrieges war die nordamerikanische Aufrüstung, die in den nächsten Jahren noch sehr verstärkt werden wird. Diese Aufrüstung verlangt jedoch vorwiegend Industrieartikel. Von den 56 Mrd. 8, die das Repräsentantenhaus bewilligte, sollen mehr als die Hälfte für die Anschaffung von Panzern, Flugzeugen, Geschützen und anderem Kriegsmaterial ausgegeben werden, das von der Schwerindustrie und vorwiegend aus Stahl erzeugt wird. Ein weiterer Teil der bewilligten Summe wird der Flotte und damit wieder der Schwerindustrie zugute kommen, und selbst die übrigen Beträge enthalten viele Ausgaben für Industrieerzeugnisse.

Wenn der Koreakrieg zunächst eine ungewöhnliche Steigerung der Rohstoffpreise brachte, so lag das weniger daran, daß diese Güter verbraucht wurden, als daß man sich spekulativ eindeckte. Gleichzeitig aber trieben die erhöhten Preise und Gewinnaussichten die Erzeugung sprunghaft in die Höhe. Das Jahr 1951 dürfte fast auf allen Gebieten Rekordernten und Höchstleistungen der Förderung aufweisen. Am schärfsten tritt das bei Baumwolle hervor, deren Ernte in den USA auf über 17 Mill. Ballen gegen 10 Mill. im Vorjahr geschätzt wird. Der Mehrerzeugung von Rohstoffen und Lebensmitteln steht bisher kein entsprechend gesteigerter Verbrauch gegenüber. Es dürfte die Teuerung den Konsum gegenüber dem Vorjahr eher gedrückt und so die Verwendung für Kriegsmaterial bei vielen Rohstoffen mehr als aufgewogen haben. So häuften sich die Vorräte, was zum Linken der Preise seit dem Frühjahr geführt hat. Anders liegen die Verhältnisse bei Fertigwaren. Hier müssen wir mit einem echten Mangel rechnen, der dadurch hervorgerufen wird, daß die Industrie in wachsendem Umfange für den Krieg arbeiten muß. 1952 soll ein volles Fünftel der USA-Industrie ausschließlich für die Rüstung eingespannt werden und damit sowohl für die Versorgung des Binnenmarktes als auch für die Ausfuhr ausfallen. Wer wird diese Lücke füllen?

Das können nur Industrieländer mit entwickelter Schwerindustrie, die nicht selbst für die Herstellung von Kriegsgerät voll herangezogen werden. Voraussichtlich werden England und Frankreich durch Rüstungsaufträge so beschäftigt sein, daß die Ausfuhr von Gütern der Stahlindustrie eher eingeschränkt werden muß. Um so mehr wird Westdeutschland von den Käufern hochwertiger Industriewaren gesucht werden. Nun galt noch vor einem Jahre die Auffassung, daß die Bundesrepublik über genügend unausgenutzte Produktionsreserven verfüge, die der Ausfuhr zur Verfügung gestellt werden könnten. Seitdem ist die Erzeugung um ein Drittel erhöht, die Ausfuhr verdoppelt worden, und wir bemerken überall die Grenzen, die der deutschen Wirtschaft gesteckt sind. Am Mangel an Kohle läuft sich die Stahlerzeugung, am Mangel an Eisenblechen die verarbeitende Industrie und an langen Lieferfristen die Ausfuhr fest. Der Rückgang an Aufträgen ist nicht zuletzt eine Folge der immer längeren Lieferzeiten, wie Klagen aus der Praxis zeigen. Bei der ungeklärten weltwirtschaftlichen Lage erscheinen Aufträge auf ein Jahr, dazu noch mit Gleitklausel für den Fall von Preisveränderungen, wenig reizvoll. Aber es besteht kein Anzeichen, daß die Nachfrage nach den typischen Erzeugnissen des deutschen Exports nichlassen wird. Der Ausfall der für die Rüstung arbeitenden nordamerikanischen Industrie bringt allein einen solchen Fehlbedarf, daß zu seiner Deckung die deutsche Ausfuhr mehr als ausreichend beschäftigt sein wird.

Die Welt ist in einem sozialen Umbau begriffen. Die Überseegebiete bauen neue Industrien auf. In Südamerika ballen sich Millionen in wenigen Städten zusammen, und um sie bewegen und von auswärts versorgen zu können, ist ein Ausbau des gesamten Verkehrswesens, sowohl innerhalb der Städte wie bei deren Zubringerwesen, notwendig. Die amerikanische Rüstung hat diesen Überseeländern die Möglichkeit geboten, aus den Gewinnen ihrer Ausfuhr Maschinen und Anlagen aus dem Ausland zu beziehen, aber diese Entwicklung läßt sich nicht mehr auffangen. Hört die Rüstung auf, dann kann der Ausbau nur durch den gesunden Warenaustausch mit Industrieländern weitergeführt werden, die bereit sind, die Rohstoff- und Lebensmittelüberschüsse als Bezahlung entgegenzunehmen. So bleibt nur die Frage, ob die deutsche Wirtschaft den steigenden Ansprüchen der Ausfuhr gewachsen sein wird, ob es ihr gefolgt, die heute sichtbar werdenden Engpässe zu überwinden. Um den Absatz braucht sie kaum zu bangen. Ernst Samhaber