Die deutsche Ausfuhr hat seit der Währungsreform eine Entwicklung genommen, die man vor zwei Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte. Wer würde angenommen haben, daß wir innerhalb einer verhältnismäßig kurzen Frist das große Loch in der Außenhandelsbilanz gestopft haben würden? Als die OEEC unter Beteiligung deutscher Fachleute vor zwei Jahren ihren sogenannten Long-Term-Plan aufstellte, der den vermutlichen Trend des westdeutschen Außenhandels zahlenmäßig festzulegen versuchte, war man höchst verwundert über den darin zum Ausdruck kommenden Optimismus. Dieser Optimismus ist durch den Gang der Ereignisse noch weit übertroffen worden.

Nunmehr scheint allerdings ein Punkt erreicht zu sein, wo der erste schon erstaunlich lange anhaltende Boom, den die Koreakrise eingeleitet hat, zum Stillstand kommt. Die Ziffern der letzten Monate lassen jedenfalls darauf schließen. Die Frage ist jetzt, wohin können und sollen sich unsere Exportbemühungen richten? Diese Frage stellt und beantwortet sich, wenn man einen Blick auf die Kurve wirft, die sich aus der Verteilung unserer Ausfuhr auf die großen Absatzräume in den letzten beiden Jahrzehnten ergibt.

Aus unserer Tabelle geht eindeutig hervor: Der Schwerpunkt der deutschen Ausfuhr war und ist Europa und wird es wahrscheinlich auch bleiben, vor allem dann, wenn die Pläne für eine europäische Integration sich verdichten. Europa bietet unserem Außenhandel eine relativ krisenfeste Grundlage, besonders sobald eine ausreichende Konvertibilität der Währungen gesichert ist. Dagegen muß ein großer Teil des sogenannten elastischen Bedarfs durch die Ausfuhr deutscher Waren nach Übersee eingehandelt werden.

In dem Maße, in dem das Volumen unseres Außenhandels wächst oder in dem sich unsere Lebenshaltung steigert, erhöht sich auch der Anteil der überseeischen Länder am deutschen Gesamtexport. 1932, in der tiefsten Wirtschaftskrise, nahm Europa 81,6 v. H. der deutschen Ausfuhr auf, während nur 18,4 v. H. nach Übersee gingen. Im Zuge der wirtschaftlichen Besserung und des Anwachsens des Exportes sank der Anteil Europas auf weniger als 70 v. H.; der Anteil der überseeischen Gebiete stieg auf mehr als 30 v. H. Diese Entwicklung hat der Krieg unterbrochen, und als der westdeutsche Außenhandel in der Nachkriegszeit sich wieder zu regen begann, war es vorläufig nur Europa, das unserer Ausfuhr Absatzmöglichkeiten bot. Noch 1949 war der Anteil Europas höher als 1932. Dann aber schälte sich das gleiche Bild wie nach 1932 heraus: die Ausfuhr wuchs, sie wuchs auch im Verkehr mit Europa. Aber es zeigte sich, daß die Aufnahmefähigkeit der westeuropäischen Länder – denn um diese handelte es sich fast ausschließlich – nach der Befriedigung des ersten Nachholbedarfs einen gewissen Sättigungsgrad erreicht hatte. Im ersten Halbjahr 1951 lag der Anteil der überseeischen Länder bereits höher als vor dem Kriege.

Es ließe sich nun der Einwand erheben, daß der Ausfall der osteuropäischen Absatzgebiete diese Entwicklung zwangsläufig herbeigeführt hätte, und daß eine Wiederaufnahme des Exportes nach den-Ländern des Ostblockes völlig veränderte Verhältnisse schaffen würde. Das ist aber nur bedingt richtig. Wir wissen, daß die tendenziöse Steigerung des Handels mit Südosteuropa politische Hintergründe hatte. Nichtsdestoweniger ist es selbst 1934–1938 nicht gelungen, den Anteil der Ostblockländer an der deutschen Ausfuhr um mehr als ein Drittel und auf mehr als 13 v. H. zu steigern, obwohl die Bemühungen um eine solche Steigerung schon krampfhafte Formen annahmen und den Widerspruch der anderen an diesen Märkten interessierten Mächte hervorriefen. Die Bedeutung des europäischen Ostens und Südostens als Absatzmarkt für deutsche Waren, so groß sie sein mag, darf nicht überschätzt werden. Zieht man Finnland und Jugoslawien ab, die mit uns geregelte Wirtschaftsbeziehungen unterhalten, so zeigt sich, daß schon 1938 allein der amerikanische Kontinent den deutschen Waren weit größere Absatzchancen bot, als alle Länder des heutigen Ostblocks zusammengenommen.

Daraus kann man schließen, daß sich bei weiter wachsendem Ausfuhrvolumen und ungestörter Entwicklung des Weltmarktes das Wachstum unserer Europaausfuhr verringern muß, unabhängig davon, ob die Länder des Ostblocks nach und nach wieder als Kunden auftreten werden oder nicht, denn das Gesamtbild können sie, schon aus Gründen ihrer volkswirtschaftlichen Struktur, nicht entscheidend beeinflussen. Dagegen ergibt sich eine theoretisch unbegrenzte Steigerungsmöglichkeit im Verkehr mit Übersee. Dort liegt das Schwergewicht vorläufig bei (Nord- und Süd-) Amerika, das im ersten Halbjahr 1951 mit 18 v. H. der deutschen Ausfuhr einen Rekord erzielt hat. Die USA sind heute hinter Belgien und den Niederlanden der beste Kunde Westdeutschlands. Der Export nach Kanada hat sich ebenfalls gut angelassen. Er dürfte auch weiterhin erhebliche Chancen bieten, sofern wir es verstehen, die Eigentümlichkeiten dieses Marktes aufzuspüren und sie auszuwerten. In Lateinamerika haben sich zahlreiche Länder als anhängliche und entwicklungsfähige Märkte erwiesen, allen voran Brasilien und Argentinien, aber auch die anderen Länder, wie Kolumbien, Venezuela, Uruguay, Chile und Mexiko. Andere treten noch nicht in größerem Umfange als Kunden auf, zeigen aber hoffnungsvolle Ansätze, und da es sich um Länder handelt mit wachsender Wirtschaftspotenz, sind die Möglichkeiten für den Absatz gerade der typischen deutschen Ausfuhrwaren, insbesondere von Maschinen und anderen Investitionsgütern bei guter Pflege dieser Märkte fast unbegrenzt.

Während die übrigen Kontinente in ihrer Gesamtheit, vor dem Kriege etwa die gleiche Bedeutung für die deutsche Ausfuhr hatten wie Amerika, hat sich ihr Anteil in der Nachkriegszeit verringert, obwohl auch er neuerdings steigt. Der Hauptgrund hierfür ist in dem Zurückbleiben Ostasiens zu suchen. Die Ausfuhr nach Japan ist erst wieder langsam im Wachsen, während der einst so bedeutende Export nach China noch nicht einmal so groß ist, wie der nach Belgisch-Kongo. Dagegen spielen Indien, Indonesien, Hongkong, Malaya und Iran schon wieder eine gewisse Rolle in der deutschen Ausfuhr, und andererseits tauchen manche Länder mit größeren Käufen in der deutschen Exportliste auf, die früher in ihr kaum in Erscheinung traten, insbesondere Syrien-Libanon, weitere Gebiete der arabischen Welt und Afghanistan. Wir beobachten demnach eine gewisse Schwerpunktverlagerung der deutschen Ausfuhr vom Fernen zum Nahen Osten. Ausgezeichnete Absatzmöglichkeiten scheint die immer schneller voranschreitende Entwicklung Afrikas zu bieten. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die schon vor dem Kriege begonnen hat. Von 1932 bis 1938 ist der Anteil des schwarzen Erdteils an der deutschen Ausfuhr von 1,9 auf 3,9 v H. gestiegen und betrug 1951 (im erster. Halbjahr) 4,1 v. H. Dabei ist wichtig, daß 1938 zwei Drittel der deutschen Afrika-Ausfuhr auf die beiden Großkunden Südafrikanische Union und Ägypten entfielen, im laufenden Jahr dagegen nur noch die Hälfte. Das heißt, daß die große Zahl der als Absatzgebiete für uns bisher weniger belangvollen Kolonialgebiete, an ihrer Spitze Nigeria, Kenya-Uganda, Belgisch-Kongo, die Goldküste und die nordafrikanischen Gebiete der Französischen Union wachsendes Interesse am Bezüge deutscher Waren zeigen. Hier wie in Asien und zum Teil auch in Amerika scheint die Tendenz dahin zu gehen, daß in ihrer Summierung die Bedeutung der „kleinen“ Märkte, gemessen an der der „großen“ steigt. Es liegt am deutschen Exporteur, sich diese Tendenz einer offenbar strukturellen Entwicklung nutzbar zu machen. Auch die Ausfuhr nach Australien, die hauptsächlich aus Maschinen und Eisenwaren besteht, wächst stetig.

Die Erfolge der deutschen Ausfuhr nach Übersee sind zustande gekommen trotz der schwierigen Umstände, unter denen der Exporteur zu arbeiten hat, trotz des Verlustes seiner Niederlassungen, trotz des Fehlens einer angemessenen eigenen Handelsflotte und trotz der Kapitalschwäche, unter der die Ausfuhr ganz besonders zu leiden hat. Die Aussichten, die dem Außenhandel in Übersee ungeachtet dieser Handikaps geboten sind, sollten dazu angetan sein, von seiten des Bundes ihm jegliche Erleichterung zu verschaffen. Denn auf lange Sicht wird die ausschlaggebende Chance der deutschen Ausfuhr ohne Zweifel im Überseehandel liegen.