Der Name Theater leitet sich von dem griechischen Wort für Schauen her. Die Sprache ist auf der Szene erst das Zweite. Voran geht die Gebärde. Bühnenkunst ist, ihrem Wesen nach, mimische Kunst. Der Zu-Schauer geht ins Theater, um spielen zu sehen, nicht um Dichtung in sich aufzunehmen.

In Frankreich ist der Sinn für dies Fundament jederzeit reger gewesen als bei uns, und die Überlegenheit des heutigen französischen Theaters rührt daher, daß französische Künstler sich immer wieder auf die Urzelle des Dramas besinnen und den Mimus neu beleben. Das Ballett ist nur eine Form solcher Wiedererweckung. Eine andere ist die Pantomime, seit den 1830er Jahren in Paris gepflegt und durch den Film von den „Kindern des Olymp“ neuerlich zu Weltruhm gekommen. Marcel Marceau, der dort mit seiner Truppe vom Champs-Elysées-Theater zu sehen war, der große Meister dieser einfachsten und reichsten Kunstform, gibt jetzt in Deutschland einen Begriff davon, was Spiel ohne Worte an Erschütterungen auszulösen vermag: heiterste und beklemmendste, greifbarste und delikateste. Vom illusionsschaffenden Gehen auf der Stelle bis zur maurischen Romanze und der Vergegenwärtigung von Gogols „Mantel“ bereitet ein Programm die ganze Skala der offenbar gewordenen Möglichkeiten aus. Noch vor dem Tanz, noch vor dem Schauspiel, noch vor der artistischen Varieté-Nummer, aber an der Schwelle zu allen dreien.

Müßte nicht eigentlich jeder Bühnendarsteller lernen, so über seinen Körper zu verfügen wie diese Pantomimen, die wirklich mit der Gebärde alles auszudrücken vermögen? Alexander Tairoff verlangte das von seinen Schauspielern, und Jean-Louis Barrault hat bei Marceau gemimt, ehe er der große Theatermann wurde.

Das deutsche Theater legt noch immer das Gewicht zu sehr auf die Seite der Literatur. Es ruft nach Dichtern – und verliert den Mimus aus dem Auge. Er gilt bei uns als Spezialität (wie das Ballett). Er ist aber das A und O. cel.