Im Wiener Kontrollrat kam es in der vergangenen Woche zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen Vertreter über den Inhalt des Geschichtslehrbuches für die Oberstufe der Mittelschulen, das jetzt in Vorbereitung ist. Obwohl der Kontrollrat kein Zensurrecht besitzt, hat das Unterrichtsministerium in den letzten Jahren die Manuskripte neuer Schulbücher stets dem Unterrichtsdezernat der Alliierten Kommission vorgelegt, um die Anerkennung der Bücher in allen vier Besatzungszonen zu sichern und nachträgliche Beschlagnahmungen zu vermeiden. Während aber dieses Dezernat bisher nur gelegentlich Anregungen gab und dem Unterrichtsminister die Entscheidung überließ, kamen diesmal vom sowjetischen Oberkommissar, General Swiridow, umfangreiche Abänderungswünsche, denn dieser letzte Band des Lehrbuches umfaßt die neueste Geschichte, einschließlich des zweiten Weltkrieges. Swiridow fordert die Änderung vieler Stellen, die mit der kommunistischen Ideologie nicht in Einklang sind. Zum Beispiel wird die Feststellung des Lehrbuches beanstandet, daß Karl Marx den Anspruch erheben könne, eine wissenschaftliche Basis für die Ideen des Sozialismus geschaffen zu haben, weil es sich nach Auffassung Swiridows „nicht um einen Anspruch, sondern um eine bewiesene Tatsache handele“. In dem Buch ist von der Marxschen Theorie über die notwendige Entwickung zum Sozialismus die Rede – hier verlangt Swiridow, daß „die unausbleibliche historische Entwicklung zum Sozialismus“ festgestellt werde.

Eine andere Stelle des Buches, wonach „Bismarck den Frieden in Europa hergestellt und die Vorherrschaft Deutschlands begründet“ habe, wurde von Swiridow als eine „Apologie des Pangermanismus“ gestrichen. Nach Swiridow haben die Sowjets auch Wien im Jahre 1945 nicht erobert, sondern „befreit“. Nach Swiridows Ansicht hat ferner der „Papst Pius XII. den Faschismus voll und ganz unterstützt“ und haben „Amerika, England, Frankreich und Deutschland Finnland zum Krieg gegen die Sowjetunion aufgehetzt“.

Es zeigt sich hier, daß der Krampf der sogenannten Umerziehung, der auch in Deutschland bis in den Bereich der Schulbücher vorgedrungen war, in Österreich noch immer am Werk ist. Während die Amerikaner meinen, ihr Schäfchen im trockenen zu haben und daher im Kontrollrat den österreichischen Behörden bescheinigen, daß sie „ihre Fähigkeit, brauchbare Lehrbücher zu beschaffen, klar bewiesen haben“, finden die Sowjets, daß ihre Thesen genau die gleiche Berechtigung hätten, in die Schulbücher der Besiegten aufgenommen zu werden, wie die der Amerikaner. Die Sache ist um so grotesker, als Österreich seit hundert Jahren für seine hervorragende Schulerziehung bekannt ist, an der sich sowohl die Sowjets als auch die Amerikaner durchaus ein Beispiel nehmen könnten.

Statt dessen endete der Streit im Kontrollrat mit der Ankündigung des Sowjetvertreters, daß er das Lehrbuch gegebenenfalls in der Sowjetzone beschlagnahmen lassen werde. Es wird daher das österreichische Unterrichtsministerium entweder zwei Lehrbücher mit verschiedenem, ja gegenteiligem Inhalt herausgeben oder auf die Geschichte der letzten Jahrzehnte überhaupt verzichten müssen. Was vielleicht noch gar nicht das schlechteste wäre. H. A.