Sechs Jahre nach dem Zusammenbruch haben nicht ausgereicht, das literarische Leben in Deutschland wieder intakt zu machen. „Haben wir überhaupt eine Literatur?“ So pessimistische Fragen kann man heute hören. Es wird Zeit, eine Bilanz zu ziehen – was hier ohne Anspruch auf Endgültigkeit, aber in der Hoffnung, die Diskussion zu fördern, versucht sei.

Betrachtet man heute die Auslagen in den Buchhandlungen, um sich zu orientieren, was an Neuerscheinungen angeboten wird, so hat man den Eindruck einer Überflutung: amerikanische, englische, französische, italienische Autorennamen wechseln sich ab, und nur hier und da entdeckt man einen deutschen. Was ist der Grund? Wird das Ausland ungerecht begünstigt? Oder versagen gar die deutschen Schriftsteller? Beide Ansichten können nicht gleichzeitig richtig sein.

Der deutsche Leser wird im allgemeinen das deutsch geschriebene Buch der Übersetzung vorziehen (wie der Filmbesucher den deutschen vordem ausländischen). Er verlangt nicht so umfangreiche Bekanntschaft mit der Literatur der anderen Völker und begnügt sich gern mit den Spitzenleistungen. Er äußert neuerdings immer vernehmlicher den Wunsch nach neuen deutschen Büchern. Er ist unschuldig an der Marktlage.

Die Verleger wenden dagegen ein, es seien nicht genug deutsche Manuskripte da, die den Wettbewerb mit anderswo schon bewährten ausländischen Werken aushalten könnten. Sie geben zu, daß sie mit ihrer Planung dadurch in Verlegenheit geraten sind, und suchen mit Eifer nach unentdeckten deutschen Talenten.

Die deutschen Autoren ihrerseits sind wirtschaftlich zumeist in mißlicher Lage und haben nur in Ausnahmefällen die Möglichkeit, in Ruhe ihrem Schaffen zu leben. Sie fordern Erleichterungen vom Staat und Großzügigkeit von den Verlegern. Ob aber dadurch die deutsche Literatur als Ganzes an Volumen und Ansehen zunehmen würde, darüber sind sie untereinander recht uneinig. Die Skala der Meinungen reicht von ungebrochenem Selbstgefühl bis zu resignierender Skepsis.

Der Streit muß ohne Ergebnis bleiben, solange nicht die Vorfrage gestellt ist, worauf denn das Übergewicht der ausländischen Literatur beruht. Sieht man von den kurzlebigen Erfolgen gewisser schmissiger Bestseller ab, so erkennt man: es war ein Vorsprung da, den die Deutschen erst einholen mußten. Er betraf nicht die literarische Qualität, sondern den Mut zur radikalen Aussage. Hemingway und Faulkner, T. S. Eliot und Joyce Cary, Sartre und Camus, Silone und Malaparte sind nicht bessere Dichter als ihre Vorgänger es waren. Sie haben Dinge zur Sprache gebracht, die früher nicht angerührt wurden.

In diesem neuen Weltstandard der Literatur nimmt einen der ersten Plätze Franz Kafka ein, der international wirksamste aller deutschen Autoren dieses Jahrhunderts. Das Nörgeln an der deutschen Literatur wird solange berechtigt sein, bis jeder Autor sich mit Kafka an Aufrichtigkeit und Entschiedenheit messen kann. Wenn alle dieser Selbstkritik standhalten würden, wäre die Frage: Wie können wir uns gegen das Übergewicht des Auslandes behaupten? gegenstandslos geworden. Die deutsche Literatur wäre, was sie heute noch nicht ist: ein Glied der Weltliteratur.