Von Richard Tüngel

Athen, Mitte Oktober

Es ist schon kühl in Athen, von Nordost weht ein scharfer Wind. Die Restaurants halten am Abend die Türen geschlossen, und statt des Vogels der Minerva fliegen Raben über die Akropolis.

Die Stadt ist, mehr noch als früher, gefüllt von Menschen. Seitdem sich so viele Flüchtlinge aus dem Bürgerkrieg – rund 250 000 – nach Athen gezogen haben, können sich die Autos oft nur mühsam einen Weg durch die Fußgänger bahnen. An den wichtigsten Straßenkreuzungen regeln daher fünf Polizisten den Verkehr. Dies spielt sich mit wenigen Worten ab, nicht, wie es früher gewesen wäre, mit großem Geschrei zwischen Publikum und Polizei. Denn so ist es heute in Griechenland: Man achtet die Polizei. Sie hat zusammen mit der Armee das Land vor des Kommunisten gerettet.

Nicht nur die Straßen auch die Cafés sind überfüllt – bereits am frühen Vormittage. Doch wird dort nicht mehr so viel politisiert wie früher. Es braucht viel Geduld, bis man Brocken eines politischen Gespräches vom Nachbartisch einfangen kann. Es sind meist nur einzelne Sätze, und sie werden gewissermaßen in die Luft gesprochen. Sie bleiben Monologe. Es entsteht kein Streit. Wo es zu einem heftigen Zusammenstoß kommt, da handelt es sich bestimmt nicht um Politik, sondern um Brett-, Karten- oder Würfelspiel.

Kabinett Plastiras hat wenig Chancen

Für diesen erstaunlichen Gleichmut bei einem politisch so sehr interessierten Volke gibt es verschiedene Gründe. Zunächst: Die Wahlen sind gerade vorüber. Die von vielen erhoffte Mehrheit für den Marschall Papagos ist nicht zustande gekommen. Aber die neue Koalition zwischen General Plastiras als Ministerpräsident und Venizeios als seinem Stellvertreter hat eine noch zweifelhaftere Mehrheit im Abgeordnetenhaus als Attlees Labour Party im vergangenen englischen Parlament. Niemand glaubt, daß die neue Regierung sich länger als sechs Monate wird halten können. Schön deshalb, weil die Koalition ganz unnatürlich ist. Plastiras ist zwar kein programmatischer Marxist, aber er hat sozialistische Neigungen. Venizelos hingegen ist der Vertreter einer liberalen Wirtschaft, manche meinen: einer allzu liberal an Wirtschaft. So erzählt man sich denn von ihm in Athen folgende Geschichte: In Lake Success habe Venizelos vor mehreren Jahren in einer Rede gesagt, alle Griechen seien bereit, ihr Hab und Gut herzugeben, um die Wunden des Krieges in ihrem Vaterlande zu heilen. „Würden Sie auch Ihre Schiffe dafür hergeben?“ habe ihn Moskaus Malik daraufhin gefragt. Venizelos habe entrüstet protestiert: „Ich besitze keine Schiffe.“ Und Malik habe erwidert: „Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, daß Sie Schiffe besitzen.“ Tatsächlich waren damals von irgendeiner griechischen Seite Liberty-Schiffe gekauft worden, die nunmehr unter der Flagge einer mittelamerikanischen Republik segeln.