Von Erik Verg

Wenn der Direktor des L’Etoile-Theaters nicht so eindringlich die Sehnsucht der Pariser, ihren „blonden Traum“ wiederzusehen, geschildert hätte, wäre Lilian Harvey seit vier Jahren tot. Aber weil die Pariser sie sehen wollten, ließ sie ihre Flugkarte verfallen. Das Flugzeug stürzte kurz vor der Landung in New York ab.

Das war 1947. Die Menschen in Deutschland hatten damals leere Mägen und kalte Zimmer und die Zeitungen nur spärliche vier Seiten. Eine kleine Notiz hätte man dem Ereignis gewidmet, vielleicht auch nur eine Zeile: unter den Opfern befand sich auch...

„Ein blonder Traum“, wie er in unserer Erinnerung lebte, tanzend, singend, -lachend und noch im Weinen nicht ernst zu nehmen, paßte schlecht in diese grauen Jahre, in denen uns nur der etwas galt, der „dabeigewesen“ war.

Lilian Harvey ist nicht „dabeigewesen“. – Als der Krieg vor der Tür stand, war die Engländerin – die „feindliche Ausländerin“ – aus Deutschland fortgegangen. Als Hitler auch das unbesetzte Frankreich okkupieren ließ, floh sie gerade so rechtzeitig, daß die Gestapo nur noch das leerstehende Haus in Antibes an der Riviera vorfand.

Aber das „süßeste Mädel der Welt“ hat nicht einfach auf einem anderen, glücklicheren Planeten gelebt, während das Inferno des totalen Krieges über die Erde ging. Sie stand sechs Tage der Woche in kalifornischen Lazaretten, assistierte bei Operationen, verband Schwerverwundete vom fernöstlichen Kriegsschauplatz, saß Nächte an ihren Betten und ließ die Soldaten sich jede grausame Einzelheit der Schlachten vom Herzen reden, so genau, daß sie heute einen Kriegsroman schreiben könnte. Aber Hunderttausende andere Frauen, die als junge Mädchen mit halbgeschlossenen Augen aus dem Kino gekommen waren, wenn ihnen das klassische Liebespaar Fritsch-Harvey wieder einmal eine Traumwelt vorgezaubert hatte, die es in ihrem täglichen Einerlei nicht geben konnte, saßen auch an Verwundetenbetten – was also hatte Lilian Harvey ihnen jetzt noch voraus, da sie inmitten der Wirklichkeit „unwirklich“ wurde?

Lilian Harvey – das war der Traum, den die vielen, vielen Mädchen, zu denen das Glück nie unbeschwert und selbstverständlich kam, mit sich herumtrugen. Sie wollten nichts mehr als diesen Traum. Warum erzählte man ihnen immer wieder, daß Willy Fritsch und die Harvey in Wirklichkeit „nichts miteinander haben“? Warum ließ man sie nicht im Glauben an eine wenigstens heimliche Romanze? Was interessierte sie der sprichwörtliche Fleiß, das immense Arbeitspensum der kleinen Engländerin, die, wenn ihre deutschen Partner Ferien machten, denselben Film noch zweimal – in englischer und französischer Fassung – drehte? Interessierte sie der „Mensch“ Harvey überhaupt? ...