Rußland und wir. Betrachtungen über Rußland und den Bolschewismus (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 77 S.)

Daß es dem Europäer schwerfällt zu verstehen, wo die treibenden Kräfte und die möglichen Ziele des sowjetischen Systems liegen, daß der leviathanische Charakter des bolschewistischen Staates, das Furchtbare und Gnadenlose, schneller ersichtlich wird als die besonderen, eben doch „östlichen“ Gesetze seines Funktionierens – das hat seinen Grund darin, daß man sich in zweierlei auskennen muß: in dem Gedankenschema des „Marxismus–Leninismus“ und in den geschichtlichen Voraussetzungen der russischen Mentalität. Ja, dazu noch in etwas Drittem: in der orientalisch-asiatischen Völkerkunde. Denn wie viele Impulse mögen aus der nahen Verbindung zwischen Rußland und Asien dazugekommen sein! Gewiß ist es nicht unwesentlich, daß ein Georgier seit einem Vierteljahrhundert vom Kreml aus herrscht.

Kein Wunder, daß die summarischen Urteile vorwiegen, die Sowjetismus und sowjetisierte Nationen, Apparatur und Menschen über denselben Leisten schlagen. Es wird hohe Zeit, die Maßstäbe zu verfeinern und die Einsicht in das Getriebe des Ostblocks zu schärfen. Den gelehrten Osteuropa-Fachleuten (deren es in Deutschland viel zu wenige gibt) fällt da eine wichtige Aufgabe zu: Klärung des Blicks zur Festigung der Abwehr.

Die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde in Stuttgart hat das zu ihrem Anliegen gern acht und drei eminent sachkundige und aufschlußreiche Vorträge veröffentlicht, ohne deren aufmerksames Studium niemand fortan zum Ostproblem öffentlich das Wort nehmen dürfte. Den Themenkreis Rußland und Deutschland behandelt Martin Winkler, den Komplex Rußland und Asien Klaus Mehnert, und über die „Weltanschaulichen Grundlagen des Bolschewismus“ legt der Marburger Kirchenhistoriker Ernst Benz neue und ungemein erwägenswerte Forschungen vor. Er zeigt, daß der sozialistische Staat im vorkapitalistischen Reich vom klassischen Marxismus aus geradezu ketzerisch ist, daß aber Lenins Entwurf und Stalins Praxis Vorstadien im spezifisch Russischen haben: im Sozialrevolutionären Programm Tkatschins und in der Tradition der Slawophilen. Das messianische Pathos, das Marx allein dem „Proletariat aller Länder“ einflößen wollte, konnte so auf das Russische übertragen werden, und das ergab statt der Weltrevolution (die noch Trotzkij anstrebte) den Eisernen Vorhang. C. E. L.