Von Walter A. Martin

Berlin, Mitte Oktober

Im Hintergrund der Berliner Industrieausstellung singt ein düsterer Chor, engagiert für rund 14 Tage von der sechsten Großen Moabiter Strafkammer. Es geht um den großen Stahl-Teuerste Ein Dutzend Rechtsanwälte, das Teuerste und Beste, was aufzutreiben ist, kämpft für die Mandanten, damit diese nicht als Zerquetschte zwischen Ost und West auf der Strecke bleiben. Man sieht die bekanntesten Anwälte Berlins; auch einer der angesehensten Strafverteidiger Westdeutschlands, Professor Grimm, ist herbeigeeilt.

„Wenn der Westen nicht mehr lieferte“

Auf der Industrieausstellung bietet die eisenverarbeitende Industrie von den mächtigsten Maschinen bis zum kleinsten stählernen Werkzeug alles in Hülle und Fülle den Blicken dar. Die Ostzonendeutschen, die einen Großteil der Besucher stellen, betrachten dies höchst gebannt. Dann und wann äußern sie sich: „Bei uns gibt es nicht mal eine Kette, geschweige denn ein Kugellager.“ Und schließlich: „Wenn die im Westen nicht mehr liefern würden, dann bräche bei uns alles in ein paar Wochen zusammen.“ Das ist aber nur ein Blickpunkt, unter dem man auch jenen Monstreprozeß sieht, der um 15 000 Tonnen Stahl geht, die der Westen in die Ostzone geliefert hat. Illegal, wie die Anklage behauptet. Sonst liefert man ja, je nach Abkommen, legal. Wer leidenschaftslos die Ost-West-Geschäfte betrachtet, glaubt in ein ungeheures, kaltes Insektenauge mit tausend Facetten zu schauen. Jede Facette gibt ein anderes Bild, und der Stahlprozeß ist nur eines davon. Er beweist zunächst nur, daß tatsächlich hochwertige Stahlerzeugnisse dem Osten geliefert wurden: elektrische Schienen, Ölschalter, Wellbleche, Gestängeverbinder, Leitungsdraht und schlagwettergeschützte Elektromotoren für den Uranbergbau. An letzteres mag man sich erinnern, wenn einmal die Sowjets Atombomben werfen sollten. Einige dieser Lieferungen sind sicher den Amerikanern, die nun seit Jahren die Hemdärmel aufgekrempelt haben, recht unangenehm. Manches davon stützt recht hübsch Walter Ulbrichts Fünfjahresplan.

Aber der Berliner sieht gern alle Realitäten. In den Facetten des Ost-West-Geschäftes sind noch viele andere Bilder. Wimmelt es in Macao nicht heute noch von Schiffen westlicher Nationen, die fleißig Öl, Stahl und Kautschuk nach Rotchina liefern? Als die jetzt angeklagten Stahlmänner an den Osten liefarten, da liefen immerhin Schiffe mit Gummi aus Britisch-Malaia nach Polen. Und aus Polen gehen die die Gummireifen nach dem Fernen Osten, rollen dann unter jenen Lastwagen, die in Korea chinesische Soldaten irgendwohin bringen, damit diese englische Soldaten töten. Unbehelligt von Staatsanwalt und Großen Strafkammern, unbehelligt auch von moralischen Begriffen, von europäischen Ideen, geschweige denn von Schamgefühl, sitzen also irgendwo in der westlichen Welt fremde Kaufleute, die-angesichts der abmarschierenden Soldaten nicht den Blick vom Kontobuch heben.

Der Berliner hat auch das Bild seiner Zöllner vor Augen, wie diese jede Aktentasche, jedes Einholnetz an den Sektorengrenzen durchwühlen, ob nicht etwa ein Westberliner billiges Brot oder Gemüse im Ostsektor gekauft habe. Zu den Facetten gehören aber auch die Panzerschränke der Ostbehörden in der Leipziger Straße, vollgestopft mit Hunderttausenden von illegal erworbenen D-Mark West. Die für die Ostwirtschaft lebenswichtigen, vom Westen gelieferten Maschinen und Ersatzteile mußten ja bezahlt werden. Auf Befehl von Karlshorst wurde hierfür ein Sonderfonds gebildet, in den jene Kaffee- und Zigarettenschmuggler, die Im Westen wohnen und im Ostsektor zu Hause sind, einen Teil ihrer ungeheuren Gewinste einzahlen mußten. So hat der Westen den Stahl, den er lieferte, obendrein selbst bezahlt. Über die Schmuggler! Aber daran sind die Angeklagten im Stählprozeß nicht schuld.