Daß vor fünf Jahren auf diesen Blättern („Die Zeit“ vom 2. Mai 1946) zum ersten Male nach langem Schweigen ein Essay von Gottfried Benn erscheinen konnte, dazu gehörte damals ein wenig Zivilcourage. Denn damals sah es ganz so aus, als solle die Öffentlichkeit von dem Manne, den die „Reichsschrifttumskammer“ 1937 ausgeschlossen hatte, auch nach dem Fortfall dieser Institution nichts mehr erfahren dürfen. Benn hatte den NS-Funktionären des Wortes als suspekt gegolten. Er galt nun, im Zeichen der Re-education, weiter als suspekt.

Jetzt hat die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt dem fünfundsechzigjährigen Berliner Arzt für 1951 den Georg-Büchner-Preis zuerkannt, den vor ihm nur hessische Autoren empfingen, und nennt ihn in der Begründung einen „Dichter von europäischem Format“. Das Pendel ist nach der anderen Seite ausgeschlagen. Aus Verfemung, und betretener Stille wurde Ruhm. Er selbst, Benn, nimmt ihn mit der gleichen, ein wenig knurrigen Gelassenheit hin wie alles frühere – einer Gelassenheit, die etwas Erhabenes hat und die er mit Paul Claudel teilt, jenem anderen europäischen Dichter mit dem „Doppelleben“ eines peinlich genau ausgefüllten bürgerlichen Berufs und einer schier unerschöpflichen, um die zentralen Fragen unseres geschichtlichen Daseins kreisenden Produktivität des Wortes.

Denn so wenig wie Claudel ist Benn ein komme de lettres, ein Schriftsteller von Profession, eine Figur der literarischem Welt, die sich seit Voltaire und Lessing als ein Sektor sozusagen der modernen Kultur herausgebildet hat. Er ist, Facharzt von Gründlichkeit und Umsicht, aufs Schreiben nicht „angewiesen“ und registriert mit grimmigem Stolz, daß seine Bücher ihm in den drei Jahrzehnten seit 1912 nur einen zweistelligen Markbetrag abgeworfen haben. Er hält sich im Abstand von allem Literaturbetrieb, im Abstand aber auch von aller bloßen Beruflichkeit – auf jenem archimedischen Punkt, der mitten im Leben liegt, weit von allen Elfenbeintürmen, und den so wenige zu finden wissen.

Auch heute, im Zenit des späten Ruhms, ist sein Name bekannter als sein Werk. Wie soll, man dies auch einordnen? Es ist Lyrik, ja; dunkle, bildgewaltige, mythische Verse, die – lange vor T. S. Eliot – die Sprache des Alltags und der technischen Fachwörter für die Poesie gewonnen und damit alles „Poetische“ aus dieser hinausgetrieben haben. Aber es ist, als Lyrik, weder Stimmung noch Betrachtung, sondern Ansprechen von verborgenen Tatbeständen unserer Welt. Und nichts anderes geschieht auch in der Prosa Benns, die immer, ob erzählend oder erwägend, durchaus dichterische Prosa ist und also von seiner Lyrik nur durch den Rhythmus unterschieden. In den überkommenen literarischen Formen ist kein Ort für ihn auszumachen.

Eher trifft man das Wesentliche, wenn man Benn einen, den Diagnostiker nennt. Er hat der modernen Welt das Elektro-Kardiogramm gestellt, er hat ihren Herzmuskelschäden konstatiert: daß sie nicht mehr, geläufig dahinzuleben vermag (obwohl sie sich eben dies einbildet), sondern, aus ihrem Zentrum gerückt, nur noch nach „Ausdruck“ sucht. Das Leben, so zeigt Benn, ist „expressionistisch“ geworden, ein Kaleidoskop künstlicher Gewebe. Es ist Pseudo-Kunst, und nur die Kunst ist echtes Leben.

Wer so sieht, kann die Urteile des Tages nicht summarisch unterschreiben, die verwerfenden nicht und nicht die hoffnungstrunkenen. So geriet Benn nach 1933 zwischen die Lager und wurde nach 1945 suspekt. Er fand weder damals noch später die Zeit so von Grund auf verändert, wie es die Lager haben wollten.

Nun scheint sein Pathos der Distanz doch durchzudringen. Daß man ihn offiziell ehrt, mag wenigstens ein Hinweis darauf sein. Zwar: er bedarf keiner Ehrung, aber sein Name ehrt die, die ihm den Preis geben. C. E. L.