Da gibt es in Hamburg einen Rechtsanwalt – der stellte im Lauf der Untersuchungen für einen Prozeß fest, daß die Hamburger Hochbahn-Aktiengesellschaft unter Umständen bereit ist, ihre 1945 im Eifer der Entnazifizierung hinausgeworfenen kleinen Angestellten wieder einzustellen, sofern diese der SPD und der Gewerkschaft beitreten. Und während sich der Anwalt über diese, in einer von der SPD regierten Stadt immerhin gewichtigen Entdeckung telefonisch mit einem Klienten unterhielt, um die sich daraus ergebende neue Art der Prozeßführung zu besprechen, da sagte plötzlich eine Stimme in der Leitung laut und deutlich: „Ich warne Sie, meine Herren, Ihr Telefon wird überwacht.“ Und dann noch einmal: „Ihr Telefon wird überwacht.“ – Die Post beteuert, deutsche Stellen übten keine Telefonüberwachung mehr aus. Erst vor wenigen Monaten sei durch alle Fernsprechämter ein Ukas gelaufen, der besagte, daß Abhör-Anträgen von Polizei und Behörden nicht mehr stattzugeben sei. Was vor dem Ukas geschah, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Wer aber war jetzt der dritte Mann am Telefon? War vielleicht ein Spaßvogel aus Versehen in die Leitung des Anwalts geraten? Es wäre ein seltsames Zusammentreffen. Oder lauschte ein alliiertes Ohr? Das wäre zwar auch seltsam, aber keineswegs rechtswidrig. Der Rechtsanwalt jedenfalls hat einstweilen lakonisch das Fazit gezogen: „Schon zur Nazizeit wußten wir, daß es ratsam war, am Telefon vorsichtig zu sein. Es scheint, als habe sich in dieser Beziehung nicht allzuviel geändert.“

Allein, es scheint nur so. Eins hat sich doch geändert: Während sämtliche Angestellte des ehemaligen Forschungsamtes – das im Dritten Reich die Telefon-Überwachungen durchführte – ob dieser Verletzung demokratischer Grundrechte von den alliierten Demokraten a priori für so bösartig angesehen wurden, daß sie vom General bis zum Botenmeister unter den „automatischen Arrest“ fielen, währenddessen zapfen die gleichen alliierten Demokraten noch heute, sechs Jahre nach der Kapitulation, nach Herzenslust deutsche Telefonheitungen an, ohne daß man bisher davon gehört hätte, daß sie Arrest über sich selbst verfügten. Motto: Freund hört mit.

Resignierte der Hamburger Anwalt, so rief das Prinzip der Telefon-Überwachung im deutschen Bundestag eine ganz andere Reaktion hervor. Das Parlament beauftragte den Bundeskanzler, in Verhandlungen mit den Alliierten eine „sofortige Einstellung der Überwachungsmaßnahmen“ des deutschen Fernsprech- und Postverkehrs zu erreichen. „Die Besatzungsmächte haben verkündet, sie wollten uns demokratisieren und einen Rechtsstaat schaffen. Wenn sie pharisäisch werden und Theorie und Praxis auseinanderklaffen, werden wir nervös. Wenn sie aber, Polizeimethoden anwenden und uns bespitzeln, dann werden wir böse!“ So erklärte der SPD-Abgeordnete Mommer in der üblich gewordenen politischen Tonart unter großem Beifall des Hauses. Die Entschuldigungen alliierter Dienststellen, ihre Maßnahmen seien für die Sicherheit der Besatzungsmächte notwendig, bezeichnete er als „tollkühnes Akrobatenstück ausschweifender juristischer Phantasie“. Und der CDU-Abgeordnete Schmitt wehrte sich dagegen, die Deutschen „in gewissem Sinne zu Heloten herabzuwürdigen“. Es sei nicht tragbar, daß er nicht einmal mit einem Kollegen telefonieren könne, ohne befürchten zu müssen, dieses Gespräch werde abgehört. An dieser Stelle unterbrach ihn sein Fraktionskollege Dr. Bucerius mit dem Zuruf: „Mir ist es wurscht, was die hören.“

Wurschtigkeit und Zorn des deutschen Bundestages werden die Alliierten kaum von ihren schlechten Gewohnheiten abbringen können. Und da alliiertes Recht Bundestags-Recht bricht, so wie einst Reichsrecht Landesrecht brach, kann ihnen auch kein deutsches Gesetz die Überwachung entziehen. Aber etwas anderes könnte der Bundestag tun: Er könnte die Oberpostdirektionen auffordern, alle jene Deutsche zu verständigen, deren Gespräche auf alliierten Befehl hin abgehört werden. Motto: Dienst am Kunden. Claus Jacobi