Von Paul Bourdin

Über die Boulevards des Quartier latin in Paris ziehen lärmend die Studenten und Gymnasiasten. Vom Boulevard Saint-Michel biegen sie in den Boulevard Saint-Germain, von dort in die Rue de Bellechasse ein, wo das Ministerium der Nationalen Erziehung liegt. Zu den Fenstern hinauf, hinter denen sie den Minister vermuten, schallt es aus Hunderten jugendlicher Kehlen: „Die Professoren an die Arbeit!“

Was soll der paradoxe Ruf der Schüler, die ihre Lehrer zum Fleiß ermahnen? In der Tat, diesmal sind es nicht die Gymnasiasten und Studiker, die schwänzen, sondern die Professoren, die seit einem Monat streiken. Sie halten zwar ihre Schulstunden und Vorlesungen ab, aber sie weigern sich, die Prüfungen vorzunehmen. Kein Wunder, daß die Examenskandidaten, die fürchten, ihre mühsam in den Ferien erbüffelten Kenntnisse zu vergessen, nervös werden und vor das Unterrichtsministerium ziehen.

Dort hört sich der bekümmerte Minister André Marie die Gehaltsforderungen der Oberlehrer und Professoren an. Er hat die Rektoren der siebzehn Hochschulen Frankreichs zusammengerufen, um eine Lösung zu suchen. Denn der Streik, der anfangs nur die Abiturienten traf, trifft heute auch die Kandidaten der Staatsexamina an den Universitäten. Nicht genug damit –: die Lehrer und Professoren haben sich zu den Sprechern der gesamten Beamtenschaft gemacht und genießen daher die Unterstützung aller Gewerkschaften der öffentlichen Dienste. Wenn auch noch kein Generalstreik der Beamten droht, so ist doch mit Kundgebungen der Unzufriedenheit verschiedenster, Art in allen öffentlichen Dienstzweigen zu rechnen, vor allem bei den Postbeamten, den Steuerbeamten, den Zollbeamten und den Polizeibeamten. Wer aber möchte ohne Post leben; sie ist unserer Tage Kost! Wohl könnten es die Bürger lange ohne Steuereinnehmer oder Zöllner aushalten. Darum haben deren Gewerkschaften aus Sympathie mit den Professoren ein neuartiges Druckmittel angekündigt, das eine noch fürchterlichere Waffe sein könnte als die „gekreuzten Arme“ oder die Hände im Schoß. Gewiß, alle Räder stehen still, wenn ein starker Arm es will. Was aber, wenn alle Räder sich wie rasend drehen? Das ist die Idee vom „Streik des Übereifers“, den diese Gewerkschaften androhen.

Wie entsetzlich! Die Steuern würden ohne Nachsicht eingezogen, eine im Lande der Toleranz unvorstellbare Barbarei. In den Häfen, auf den Flugplätzen, an den Grenzstationen würden die Warentransporte und das Gepäck der Reisenden auf das Peinlichste geprüft; die „Abfertigung“ geriete hoffnungslos ins Stocken. Die Polizei würde unnachsichtig auf der Einhaltung der Verkehrsregeln bestehen: niemand und nichts käme mehr vom Fleck.

Was haben die Lehrer und Professoren da heraufbeschworen, sie, die seit je die treuesten, verantwortungsbewußtesten und geduldigsten Diener des Staates sind! Aber sind nicht gerade sie von Berufs wegen dazu ausersehen, sich zu Sprechern zu machen und Lektionen zu erteilen, und sei es dem Staate, der Regierung, ihrem Minister.

Die Widerreden des Ministers blieben bis heute fruchtlos. Die siebzehn Rektoren schüttelten ihre ergrauten Häupter. Mit den ehrwürdigsten von ihnen fuhr der ratlose Minister Marie zum Regierungschef Pleven ins Hotel Matignon. Aber auch der Ministerpräsident vermochte es nicht, die Professoren durch neue Versprechungen dazu zu bewegen, die Examina wieder aufzunehmen. Zu häufig haben die schnellwechselnden Regierungen Versprechungen gemacht, die von der nachfolgenden nicht gehalten wurden. Die siebzehn Rektoren bestiegen wieder die Züge nach Bordeaux, Lyon, Marseille, Lille, Toulouse, Nizza, Rouen oder woher sie sonst gekommen sein mögen.