Recklinghausen, im Oktober

Wer jetzt die hohen, trefflich belichteten undproportionierten Räume der „Kunsthalle“ gegenüber dem Hauptbahnhof Recklinghausen durchwandert, der wird feststellen können, daß der „junge Westen“ für seine Jahresschau 1951 beträchtliche und erfolgreiche Anstrengungen unternommen hat. Man hat mittels einer schärferen Jury provinzielle Belanglosigkeiten auszuschalten gesucht und hat anderseits, um die dann naherückende Gefahr einer gewissen Eintönigkeit zu vermeiden, die geographische Fixierung „Westen“ großzügig bis in den äußersten Süden erweitert. So kam man mit Eleganz an dem Odium des Sektiererischen vorbei. Denn es liegt ja nur allzu nahe, daß eine Künstlergruppe, deren Kern sich durch nachbarliche und freundschaftliche Bande immer wieder wechselseitig anzuregen und anzuspornen pflegt, um so rascher die Gewohnheiten einer Sekte anzunehmen geneigt ist, je mehr sie auch „prinzipiell“ auf die Einhaltung einer „Richtung“ Wert legt.

Daß diese Richtung hier; in einem Klima, das sich zuvörderst aus der dringlichen Bewältigung einer industriell deformierten Umwelt bestimmt, ganz vorwiegend zu einer heftigen Abstraktion tendiert – das vermag keinen Einsichtigen wunderzunehmen. Mit einer genüßlich gepflegten „peinture“ – mag sie nun aus der kapriziösen Küche etwa eines Dufy oder aus den antikisierenden Zwischenepochen Picassos sich herleiten – ist „Welt“, im weitesten Sinne, hier einfach nicht in den Griff zu bekommen. Dieses Versagen wurde jüngsthin, an allen gutgemeinten Versuchen, immer wieder ersichtlich. Technik ist eben kein Motiv der „paysage“, sondern ein Grundthema unseres existentiellen Befundes.

Die blanke, harmonisch-distanzierte Schilderei allerdings wird so völlig verunmöglicht. Es muß ein echtes Erschrecken – vor allem Anfang – ersichtlich werden. Ohne Erschrecken kein „Bild“. Das Bild ist erst die Antwort – in „Form“ gebrachte Antwort. Läßt man sich darauf ein, so vermag man hier eine ganze Reihe diskutabler, ja einleuchtender Antworten zu vernehmen – zuvörderst von Seiten der beiden Preisträger (des Preises der Stadt Recklinghausen). H. A. P. Grieshabers voluminöse Holzschnitte und Ernst Hermanns Skulptur („Wachsend“) werden durchaus als wesentliche Akzente im Feld der gesamten Ausstellung ersichtlich! Grieshabers Holzschnitte entstehen aus dem Übereinanderdrucken vieler Farbplatten in Ölfarben. Es wird eine merkwürdige Schwebe aus Farb-Gründen und einer hölzernen Flächigkeit angezielt; Schweres gerät in die Schwebe; die durchaus gegenständliche Ausdrucksschwere – ein unverhohlenes Erbteil des Expressionismus von ehedem – wird überführt in ein weniger pathetisches System: der Bildausschnitt schiebt sich näher heran. Fernes wird nahe gezeigt und ergibt eine merkwürdige „Schönheit“ der Nahsicht. Dem reihen sich Meistermanns neue Lithos durchaus gleichwertig an; auch sie sind keine puren Floskeln der Abstraktion, ebensowenig wie die biblisch bestimmten „Visionen“ der M.-L. Register. Deppe nimmt seine Zeichen direkt aus dem Gestänge der Industrie, Fördergerüste scheinen da in einem unterirdischen „Meer“ von Kohle zu schwimmen. Winter ist leider zu knapp vertreten; Werdehausen treibt Selbstreinigung – es fehlt ihm nur noch die spirituelle Klammer. Auch Trier, Grochowiak, Emil Schumacher geben kennzeichnende Auskunft. Hermanns aber beweist mit einem. teils pflanzlich-organischen, teils kühn „gedachten“ Gebilde, daß man auch, ohne Henry Moore zu kopieren, die Abenteuer, die im Stein liegen, auskundschaften kann. – Die Preisverteilung fand einmütigen Beifall aller Interessierten... was, traun, in der Kunstwelt nicht sehr häufig vorkommt.

Albert Schulze Vellinghausen