Eine himmelblaue, gewölbte Decke, Sterne darauf gemalt, Straßenlaternen auf hohen eisernen Pfählen, bunte Theaterhäuschen und fernstecherbewehrte Pappfiguren aus Großväterzeit – das ist die 200 Meter lange Dekoration einer der erregendsten Vorführungen, die seit Kriegsende in Deutschland stattfanden.

Es ist die Fernsehausstellung, die im Rahmen der Deutschen Industrieausstellung 1951 zu Berlin stattfindet.

Der unvorbereitete Zuschauer, der die Fernsehstraße betritt, mag zunächst über die Umsicht angenehm überrascht sein, mit der die Ausstellungsleitung oder der NWDR oder diese oder jene Firma dafür geborgt haben, daß möglichst viele Besucher dieses für sie neue Medium betrachten können, in dem etwa fünfzig Fernsehapparate in der 200 Meter langen Straße nebeneinander aufgestellt wurden. Aber die Oberraschung wird noch größer, wenn man feststellt, daß hier wohl zwanzig deutsche Firmen ihre verschiedenen neuen Modelle, in aller Stille entwickelt, der Allgemeinheit präsentieren ...

Das NWDR-Fernsehen hat das Stadium des Experimentierens beendet: drei bewegliche neue Fernsehkameras von kleinem Format belauern in pausenloser Tätigkeit die Darbietungen vor den Augen der Zuschauermassen, die gleichzeitig das fertige Resultat auf den Empfängern längst derganzen Fernsehstraße betrachten können. Wer erwartet hat, nur Kostproben von Sendungen zu sehen, steht überrascht vor der Tatsache, daß hier seit dem 6. Oktober täglich von morgens bis abends (mit geringen Unterbrechungen) gesendet wird. Die Sendungen begannen mit der Rede des Bundeskanzlers, der die Industrieausstellung eröffnete. Man sah auch Fernsehfilme, man sah und sieht anderthalb Stunden dauernde Kabaretts, und man sieht und hört Musiksendungen, Boxunterricht, aktuelle Reportagen, Kindergarten, Bunte Nachmittage, Turnen, Schnellzeichnen, Interviews mit Bürgermeistern, Branddirektoren, ein Gespräch mit dem Chauffeur Adenauers, Tanzen – ein ständig wechselndes, immer lebendiges Programm.

Wenn es Ihnen gelingt, in die kleine Bretterbude am Ausstellungsgelände vorzudringen, dann befinden Sie sich im Büro, wo der organisatorische, künstlerische und technische Stab des NWDR-Fernsehens arbeitet. Und wenn Sie in der Fernsehstraße kaum noch das Gefühl hatten, auf Neuland zu stehen, weil alles bereits so perfekt ist – hier begreifen Sie es, Zwischen Kulissen, Sägespänen, Zeichenrollen finden Sie den Fernsehchef Dr. Werner Pleister, der mit dem unmerklichen Stolz und der würdigen Ruhe eines Zirkusdirektors das wunderbare Ergebnis seiner langen, stillen Vorarbeit ablaufen läßt.

Der Mann, der in dem großen Übertragungswagen des Fernsehens neben der Bretterbude die Produktion steuert, ist der Oberregisseur Hanns Farenburg‚ ein Fachmann aus der Zeit der frühesten Arbeit des deutschen Fernsehens. In diesem Wagen zaubert er mit Blenden und Schnitten feinnervig und präzise den Zuschauern die Bilder vor Augen, die ihm von den drei Kameras gereicht werden. Sein besonderer Erfolg: eine Sendung von Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ mit Theo Längen und Paul Esser und ein Fernsehspiel „Es war der Wind“.

Verläßt man das Ausstellungsgelände über die 200 Meter lange Fernsehstraße, sollte man überlegen, von welchen mühevollen und frühen Experimenten dieser Weg seinen Ausgang nahm und wohin er uns in nächster Zukunft führen wird. O. K.