An einer Festtafel können nicht alle obenan sitzen, es sei denn beim König Artus, der den runden Tisch erfunden hat...

Die Lübecker Marienkirche hat jüngs: ihr 700jähriges Bestehen gefeiert. Es waren Ehrengäste aus aller Welt gekommen, auch aus Bonn. Die Festrede hielt Bundeskanzler Dr. Adenauer, und es war eine harmonische Feier. So dachte man. Bis ein Brief aus Bonn anlangte. Er wurde dort am 1. Oktober geschrieben. Das Marienkirchenjubiläum war am 1. und 2. September. Bonner Mühlen mahlen langsam. Der Brief wurde am 10. Oktober in Bonn durch eine große Nachrichtenagentur der Öffentlichkeit übergeben. Ein Beschwerdebrief, gerichtet an den Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche zu Lübeck, D. Pautke. Geschrieben hat ihn der Bundestagsabgeordnete Arno Hennig, der, soweit sich feststellen ließ, „Vorsitzender des Unterausschusses Kunst des kulturpolitischen Ausschusses des Bundestages“ ist. Dieser Mann ist bitterböse; er sagt, daß es unmöglich sei, „die Anwesenheit dieses Ausschusses so gut wie gänzlich zu ignorieren!“ Und daß wir dies nicht übersehen: er, Arno Hennig, sei außerdem beauftragt gewesen, den Herrn Bundestagspräsidenten in Lübeck zu vertreten.

Der simple Wähler fragt sich: Was ist hier Schreckliches geschehen? Mußten die Ehrengäste aus Bonn etwa in einem Zelt kampieren? Oder was sonst hat man ihnen angetan? – Der simple Wähler ist korrekt. Er trat in Nachforschungen ein. Und er staunte. Denn bei dem offiziellen Essen, das die Kirchenleitung gab, saß Bundeskanzler Dr. Adenauer links vom Landesbischof, und der Abgeordnete Arno Hennig rechts vom Landesbischof. Hennig ist Mitglied der SPD. War es sein Wunsch, auch beim Festmahl links zu sitzen? Oder wo? Der simple Wähler meint, daß es einem seriösen Kirchenmann schließlich nicht zugemutet werden konnte, einen ausgewachsenen Abgeordneten auf den Schoß zu nehmen. Schließlich stellt der simple Wähler fest, daß eine Unterlassungssünde geschehen war: der Bischof hat bei der Festversammlung die Anwesenden in corpore begrüßt und dann gesagt: „Sehr verehrter Herr Bundeskanzler.“ Daß er nicht fortfuhr: ‚Sehr verehrter Herr Hennig, Vorsitzender des Unterausschusses Kunst des kulturpolitischen Ausschusses des Bundestages und mit der Vertretung des Herrn Bundestagspräsidenten beauftragt..., ja, daß er den Namen Hennig überhaupt zu erwähnen vergaß, das nimmt dieser ihm schwer übel. Der simple Wähler meint, daß der Bischof die Sünde, Herrn Hennig versehentlich nicht genannt zu haben, am Jüngsten Tag wird verantworten können.

Der simple Wähler forschte weiter. Und da fand er, daß der „fungierende Ausschuß-Vorsitzende“ Hennig, was die Hansestadt Lübeck betrifft, offenbar von einem bedauerlichen Pech verfolgt wird. Er wurde hier schon einmal „nicht gebührend erwähnt“. Es war dies – wohl im Jahre 1947 – bei der großen Lübecker Kulturtagung seiner Partei, der SPD. Auch damals hat Hennig schon erheblichen Protest gemacht, weil er nicht genug herausgestrichen und nicht einmal in dem Blatt seiner eigenen Partei extra begrüßt worden war. Sorgen haben die Leute!

Ach ja, und noch eins teilte Hennig in seinem Beschwerdebrief an den Bischof mit: daß er und sein Ausschuß „bei ähnlichen Gelegenheiten nur noch in Erscheinen treten“ wollen, „wenn vorher eine Form vereinbart wird, die der Stellung des deutschen Bundestages im öffentlichen Leben voll Rechnung trägt“. Also, liebe Leute, kauft Girlanden, wenn euch so etwas bevorsteht!

Was die Lübecker betrifft, so sollten sie außerdem bei der nächsten Jahrhundertfeier die Tafelrunde des Königs Artus auf dem Markt errichten, einen einzigen, riesigen, runden Tisch, an dem überall „oben“ ist. Was aber das vergangene Fest anlangt, so denkt der simple Wähler, daß dies Marienkirchenjubiläum eine Feier zum Ruhme Gottes war und nicht zum Ruhm von Hennig. Der simple Wähler schlägt als Ausgleich für die in Lübeck begangene Sünde vor, daß bei der 700-Jahr-Feier des Bundestages die Lübecker Delegation auch nicht extra erwähnt zu werden braucht. Womit dann hoffentlich alles wieder im Lot ist. Was aufrichtig hofft im Namen simpler Wähler Karl N. Nicolaus