Von W. W. Schütz

Das Schwergewicht der Weltpolltik hat sich erneut verschoben. Seit der britische Löwe aus Persien evakuiert wurde, seit Ägypten seine Verträge mit London gekündigt hat, seit Griechenland und die Türkei Mitglieder des Atlantikpaktes wurden, seitdem spielen die Scheinwerfer des kalten Krieges wieder über die riesige Landbrücke vom Mittelmeer bis zum Indus. W. W. Schütz berichtet über die strategischen Möglichkeiten und diplomatischen Versuche des Westens, den Nahen Osten zu verteidigen, die ungeschützte Flanke Asiens und Europas zu sichern.

Mit dem uralter politischer Tradition entspringenden Gefühl für Gefahren und Möglichkeiten der Weltpolitik hat die Türkei seit geraumer Zeit darauf gedrängt, größere Garantien und Hilfeleistungen von den Verbündeten im Westen zu erhalten. Der auf Grund der Truman-Doktrin seit 1947 gewährte Beistand der Vereinigten Staaten reichte an allen Ecken und Enden nicht aus. Und die Befürchtung Ankaras, ein isolierter Angriff auf die Türkei könnte nur lokal, im Stile des koreanischen Krieges, beantwortet werden, vermochten weder die Beteuerungen Washingtons, noch der Hinweis Lope dons auf die schon etwas verstaubte britischtürkische Allianz zu beschwichtigen. Die türkische Diplomatie ruhte und rastete nicht, ehe sie nicht in das einzige größere Paktsystem des Westens, in den Atlantikpakt, aufgenommen wurde. Was aber Ankara recht ist, ist Athen nur billig. Die beiden Nachbarstaaten an der Ägäis wurden daher sinngemäß im gleichen Atemzug und mit gleicher strategischer Begründung in den Atlantikpakt aufgenommen.

Nunmehr verhandeln also die angelsächsischen Generalstabschefs, Bradley und Slim, in Athen und Ankara, um sich ein klares Bild von der Leistungsfähigkeit und von dem Bedarf der neuen Bundesgenossen zu machen Die Türkei besitzt ein kräftiges, tapferes Heer, ermangelt aber der notwendigen Ausrüstung und der Verkehrsverbindungen in Anatolien. Von einer umfangreichen amerikanischen Hilfe in Form von Waffen, Maschinen und Motoren, kurz von allem, was zur raschen Entwicklung eines unwegsamen Landes nötig ist, hängt es ab, ob Anatolien verteidigt werden kann oder nicht. Damit entsteht zugleich ein latenter Interessengegensatz zwischen der auf die Verteidigung des eigenen Landes bedachten Türkei und ihren auf die Verteidigung des Mittelmeers bedachten atlantischen Alliierten. Die Türkei will sich selbst schützen. Sie muß so daran denken, den Kaukasus, das Politische Randgebirge und den Bosporus zu halten. Den Westmächten hingegen geht es darum, eine Riegelstellung an der Ägäis und im Nahen Osten aufzurichten. Dazu würde es im Notfall ausreichen, den Taurus zu verteidigen. Das wäre zwar billiger vom Standpunkt der Westmächte aus, aber es wäre verhängnisvoll für die Türken. Das Ergebnis der jetzigen Besprechungen der angelsächsischen Generale in Ankara wird daher viel entscheiden – für die Türkei und für Westeuropa. Setzt sich die türkische These durch, dann wird der Pegelstand der amerikanischen Hilfe für Westeuropa sinken. Zugleich aber würde die Bündnisfreudigkeit der Türken und damit die Sicherheit des gesamten Westens steigen.

Überraschend, aber ebenfalls durchaus in Übereinstimmung mit seiner Tradition hat Ägypten jetzt den Paktbeitritt der Türkei dazu verwendet, seinen neutralistischen Partikularismus zum Angelpunkt seiner Außenpolitik zu machen. Nahas Pascha hat den Engländern den Stuhl vor die Tür gestellt, und das mit einem solchen Aplomb, daß eine Beilegung des ägyptisch-englischen Konflikts auf geraume Zeit ausgeschlossen erscheint. Das Interessante daran ist nicht die schroffe Absage der Ägypter an ihre einstige Besatzungsmacht und auch nicht die Geste König Faruks, der sich die Krone des Sudan aufstülpte. Das Interessante ist vielmehr, daß Faruk England in einem Augenblick brüskierte, als sich die Botschafter Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und Frankreichs gerade anschickten, Ägypten die Einladung zu einer Allianz zu überbringen; es sollte als gleichberechtigter Partner an der Verteidigung des Nahen Ostens teilnehmen. Faruk hat es anders gewollt. Warum? Vor elf Jahren rollten englische Panzerwagen vor den Königspalast in Kairo, um Faruk zu zwingen, Ägypten den Westmächten im Kampf gegen die Achse zur Verfügung zu stellen. Heute hat er seine Antwort erteilt: die jähe Rückkehr zur Neutralität. Und diesmal kommen keine Panzerwagen vom Suezkanal herübergedonnert. Denn sie liegen isoliert und ohnmächtig in ihren Wüstengarnisonen, Nicht bereit, zu weichen, aber auch nicht imstande, zu handeln. Vom militärischen Standpunkt aus ist die englische Garnison am Suezkanal fast wertlos geworden.

Die Verteidigung des Nahen Ostens kann sich also auch diesmal nicht auf die arabischen Staaten stützen; auch nicht auf Persien, das in ähnlichem Partikularismus verharrt. Ja, und vielleicht nicht einmal mehr auf das den Engländern bisher so treu ergebene Jordanien, wo Abdullahs Sohn Talal die Zügel der Regierung ergriffen hat. Der schlaue Glubb Pascha, Anglo-Jordanier und Organisator der 8000 arabischen Legionäre, mag noch so stoisch beteuern, die jordanische Regierung erstrebe keinerlei Änderung ihrer bisherigen Bündnispolitik –: der kühle Wind des Neutralismus fegt heute über die arabische Welt hinweg. Alte Haßgefühle gegen die arroganten Europäer kommen hinzu, vom Indus bis Marokko.

Worauf also basiert die zukünftige Verteidigung des Nahen Ostens? Nur in Kleinasien, in der Türkei, steht eine wirkliche Abwehrkraft bereit. Daneben gibt es schließlich nur noch einen einzigen natürlichen und verläßlichen Verbündeten der Westmächte auf der breiten Länderbrücke, Israel, das im Notfall 100 000 Mann aufbieten könnte. Die übrige nahöstliche Welt wird heute nur durch einen eigenartigen Zustand des Gleichgewichts und durch eine auf mohammedanischer Glaubensfestigkeit beruhende Aversion gegen den Kommunismus gehalten. Aber nicht mehr durch wirkliche Waffengewalt.